Autor Thema: Dileptus monilatus  (Gelesen 567 mal)

bewie

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Dileptus monilatus
« am: April 02, 2021, 12:40:21 Nachmittag »
Hallo Tümpelfreunde,

kürzlich habe ich an einem größeren Fischweiher Detritusflocken eingesammelt, die an der Oberfläche schwammen und vom Wind in einer Ecke des Weihers zusammengeweht worden waren. Darin fanden sich unter anderem viele Exemplare dieses großen Ziliaten:


Er hat eine Menge Kieselalgen gefressen, das sieht man recht deutlich. Weniger gut zu erkennen ist ein kettenförmiger Makronukleus. Man ahnt auch einige kontraktile Vakuolen.

Dieses Exemplar hat eine ziemlich lange Kieselalge gefressen und liegt nun auf dem Objektträger, als hätte es einen Stock verschluckt - oder wie heißt das Sprichwort? Kontraktile Vakuolen und Makronukleus sieht man hier schon besser, außerdem den Zellmund unterhalb des Rüssels.


Und weiter geht es mit einem Blick auf den Zellmund mit dem Mundtrichter (MT) und der circumoralen Wimpernreihe (CW). Ansonsten ganz gut zu erkennen die längsreihige Bewimperung des Ziliaten, die mit Ausnahme kleiner Bereich in der Mundregion den gesamten Zellkörper bedeckt.


Die selbe Stelle, aber etwas tiefer liegender Fokus. Man sieht zwei Teile des Makronukleus Ma, den Mundtricht MT mit den Strukturstäben des Reusenapparates, die kontraktilen Vakuolen und die Extrusomenreihe am Rüssel. Weitere stab- bis spindelförmige Extrusomen sieht man verteilt im Zytoplasma unter der Pellicula.


Hier noch eine andere Perspektive auf die Pellicula mit Mund, Extrusomen und circumoraler Wimpernreihe, die - Zitat Foissner - wie eine Mähne am Rüssel sitzt.


Hier ein Blick auf die Pellicula; schemenhaft erkennbar einige kontraktile Vakuolen, ganz gut zu sehen die Exkretionsporen EP.


Noch ein letzter Blick auf einige  Zellorganellen. KV: kontraktile Vakuolen. Ma: kettenförmiger Makronukleus. Mi: einige Mikronuklei, die nahe am Ma liegen. R: Reusenapparat.


Anhand von Größe, Form, Makronukleus, Anordnung der kontraktilen Vakuolen und der Mundstruktur lässt sich der Ziliat nach meiner Ansicht als Dileptus monilatus klassifizieren (oder Monilicaryon monilatus, wie ihn Foissner nennt). Ich bin aber für jede Korrektur dankbar!

Relativ auffällig ist auf den ersten Blick der Rüssel des Ziliaten und natürlich kann man ihn auch bei der Klassifizierung in die Überlegung einbeziehen. Aber Vorsicht: Beim Hantieren im Labor kann der Rüssel ziemlich reduziert werden oder ganz verschwinden. Bei diesem Exemplar ist er stark verkürzt und hinter den Zellmund auf den Rücken zurückgeklappt.


Das wars für heute. Ist nicht gerade ein seltenes Viecherl, aber vielleicht hat das Betrachten der Bilder ja trotzdem ein bisschen Spaß gebracht.

LG
Bernhard
« Letzte Änderung: April 02, 2021, 17:25:39 Nachmittag von bewie »

anne

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #1 am: April 02, 2021, 16:38:26 Nachmittag »
Lieber Bernahrd,
mir hat es sehr großen Spass gemacht die Bilderserie zu betrachten, ganz große Klasse!
lg
anne

Martin Kreutz

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #2 am: April 02, 2021, 22:28:17 Nachmittag »
Hallo Bernhard,

eine sehr schöne Analyse und Darstellung dieses großen Ciliaten. Besonders die 4. und 5. Aufnahme von oben zeigen viele wichtige Merkmale. Auch die Vorliebe für Diatomeen passt. Leider hatte ich noch nicht das Glück ihn zu finden. Du scheinst an einem guten Fundort zu sitzen!

Schönen Abend

Martin

bewie

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #3 am: April 03, 2021, 17:35:32 Nachmittag »
Hallo Anne, hallo Martin,

schön, dass es euch gefallen hat!

Martin, ein Lob von Dir freut mich natürlich ganz besonders. Die Extrusomen habe ich übrigens noch etwas näher angeschaut. Unten ein Bild mit Maßstäben. Ich bilde mir ein, kleine und große Extrusomen gefunden zu haben, wie Foissner das auch beschreibt. Die kleinen überwiegend im Extrusomensaum, die großen verstreut liegend. Wobei ich bei den verstreuten nie ganz sicher bin, ob es nicht doch irgendwelche anderen Strukturproteinkomplexe sind. Ist so etwas denkbar?

Diese Spezies hält sich bis jetzt ganz gut in der Petrischale. Möglicherweise würde sie auch den Versand einer Probe überstehen. Wenn Du Interesse hast, schicke ich Dir direkt nach Ostern gerne eine Probe zu, schreib mir einfach eine PN.

LG
Bernhard

D.Mon

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #4 am: April 05, 2021, 19:13:38 Nachmittag »
Hallo Bernhard,

sehr schöne Bilder.
Danke fürs Zeigen.

Viele Grüße
Martin
Bitte per "Du" - Martin alias D.Mon
--
Glück kann man nicht kaufen.
Aber man kann ein Mikroskop kaufen und das ist eigentlich dasselbe!
--
Mikroskope: Motic Panthera U, Lomo MBS-10
Kamera: Sony ILCE-6400

Martin Kreutz

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #5 am: April 05, 2021, 20:39:30 Nachmittag »
Hallo Bernhard,

genau, in diesen Viechern, den haptoriden Ciliaten (wozu auch die Spathidiiden gehören) gibt es meist mehrere Sorten von Extrusomen. Welche davon welche Aufgabe haben, ist meines Wissens unbekannt. Sie werden im Plasma gebildet und sortenrein an die richtige Stelle im Ciliaten eingebaut. Eigentlich kann man sie in dem dem ganzen Gewusel im Plasma ganz gut erkennen. Sie sind hochbrechend, meistens Stäbchen oder kommaförmig gebogen und vor allem formbeständig auch bei hohem Deckglasdruck. Alle anderen Zellorganellen werden dabei verformt. Um die genaue Form, Abmessung und Anzahl der Extrusome zu bestimmen muss man den Ciliaten stark pressen. Das klappt nur, wenn keine anderen Fremdkörper unter dem Deckglas liegen.

Schönen Abend

Martin

Michael Plewka

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #6 am: April 07, 2021, 09:46:30 Vormittag »
Hallo Bernhard,

vielen Dank für den Deinen tollen Bericht  über diesen Ciliaten. Jeder Bericht hier im Forum löst ja bei den Lesern unterschiedliche Resonanzen aus (oder auch keine....); bei diesem Ciliaten ist mir im vorletzten Bild des 1. Beitrags etwas aufgefallen: zwar gibt eis zwei Pfeile, welche auf Mikronuclei  weisen sollen, diese enden m.E. aber im Nirgendwo.  Dieses ist aus meiner Perspektive insofern bedeutsam, als  im Plasma rechts des Ma noch eine große Anzahl von kleine "Vakuolen"  mit je einem Körnchen zu sehen sind  und die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Gebilden, auf welche die "Mi-Pfeile" hinweisen sollen, haben.

Das hat mich an einen Fall erinnert, den Martin Kreutz und ich mal vor einiger Zeit verhandelt haben, allerdings ohne Ergebnis. Es ging um einen Ciliaten, den ich in einer Wasserstelle in einem  Astloch gefunden hatte, und den  man durchaus der Gattung Paramecium zuordnen kann, allerdings haben wir die Art nicht bestimmen können:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenProtista/01e-protista/e-Ciliata/e-source/Paramecium%20sp.html

Auch bei dieser Form waren solche "Vakuolen mit Körnchen" im Plasma verstreut (3 letztes Bild; mit Pfeilen markiert), aber auch um den Ma herum zu sehen (auf den anderen Bildern). Wir haben damals keine Entscheidung treffen können, um was es sich dabei handelt. Auch Mikronuklei haben wir damals nicht ausschließen können. Extrusomen scheinen es keine zu sein.

Hast Du dazu vielleicht Informationen, um welche Organelle es sich bei Deinem Viech handelt?


Beste Grüße
Michael Plewka

bewie

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #7 am: April 08, 2021, 19:43:35 Nachmittag »
Hallo Michael,

vielen Dank für den Hinweis! Die Pfeile hören in der Tat etwas zu früh auf, im Bild unten sind die Mikronuklei etwas besser markiert.

Ich nehme an, die Fragezeichenpfeile zeigen auf die Organellen, die du gemeint hast. Ich weiß nicht, was es ist, beim Mikroskopieren habe ich sie nur mit halbem Auge betrachtet und in die Schublade Verdauungsapparat gesteckt. Dass es Mikronuklei sind, glaube ich nicht, die Struktur unterscheidet sich doch deutlich von den echten MNs; diese sind optisch dichter und haben weniger dichte Einschlüsse, bei diesen Körperchen ist es umgekehrt. Sie sind für meinen Geschmack auch zu weit verteilt. Aber auch Lysosomen oder ähnliche Bestandteile des Verdauungsapparats können das bei näherer Betrachtung nicht sein, dafür sind sie zu gleichmäßig und auch Sekundärlysosomen dürften nicht regelmäßig diese Körperchen aufweisen. Und wenn man sie durchmustert, sieht man auch, dass das nicht einfach Vakuolen sind, in denen ein optisch dichteres Körperchen schwimmt, vielmehr habe ich den Eindruck, dass der dichtere Körper eine Einstülpung ist. Die roten Pfeile zeigen auf solche Stellen, an denen man diesen Eindruck gewinnen kann.
Letztlich weiß ich aber nicht, um was es sich handelt. Vielleicht Vorstufen von Extrusomen? Ist jetzt aber reine Spekulation. Näher untersuchen kann ich es leider nicht mehr, Dileptus ist inzwischen völlig aus der Probe verschwunden, da vermehren sich jetzt andere Ciliaten, z.B. Spirostomaspezies und Stentoren.

Übrigens Kompliment zu Deiner Düsseldokumentation. War wie immer hochinteressant, ebenso wie auch Deine tolle Website, die ich regelmäßig als Referenz benutze.

LG
Bernhard
« Letzte Änderung: April 09, 2021, 13:05:24 Nachmittag von bewie »

Michael Plewka

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #8 am: April 09, 2021, 21:16:54 Nachmittag »
hallo Bernhard,

vielen Dank für Deine ausführliche und sorgfältige Antwort, in der Du ja  verschiedene Möglichkeiten aufzeigst. Die von Dir vorgeschlagenen Einstülpung kann ich in einigen der von Dir rot markierten Gebilde nachvollziehen, in anderen nicht. Die Durchmusterung der über 100 Bilder von "meinem" Viech brachte auch keinen einzigen Hinweis auf eine solche Einstülpung. Die Zeichnung auf S. 241 in Foissners  Plankton-Ciliaten-Buch des BLW (1999) eines weiteren Gymnostomatiden (Teutophrys) brachte mich noch auf eine weitere Möglichkeit: Symbionten. Natürlich eine gewagte Hypothese, aber M. Kreutz hat ja schon Ciliaten mit symbiontischen Prokaryonten im Forum vorgestellt. Würde allerdings der Einstülpungshypothese möglicherweise widersprechen.

Interessant finde ich dabei, dass diese Strukturen, so sie denn identisch/ ähnlich sind, in zwei unterschiedlichen Gruppen (Gymnostomatea und Hymenostomatida) aufzufinden sind. Ich habe  andere Ciliaten gefunden, bei denen  trotz ziemlich hoher Auflösung in den Aufnahmen diese Organelle nicht zu sehen sind.
Vielleicht haben die anderen Protistenexperten im diesem Forum weitere Erkenntnisse dazu....
Ich werde versuchen, in Zukunft mal darauf zu achten.

Beste Grüße
Michael Plewka

bewie

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Re: Dileptus monilatus
« Antwort #9 am: Heute um 12:48:35 »
Hallo Michael,

mir scheint, da hast Du ein spannendes Thema eröffnet.

Ich habe jetzt nochmals alle Bilder durchgesehen, die ich von Dileptus monilatus gemacht habe. Diese Strukturen sind nur bei einem einzigen Exemplar aufgetaucht, das auch ansonsten einige Besonderheiten aufweist. Dazu unten noch ein Bild. Die Zelle war im Vergleich zu den anderen Dileptiden nicht schlank, sondern recht plump. Das ist mir schon im Stereomikroskop aufgefallen, deswegen habe ich sie auch rausgefischt. Außerdem hat sie unnatürlich wenige Teile ind der MN-Kette, nämlich nur 6 Stück. In der gleichen Probe habe ich einen weiteren "Ziliaten" gefunden, den das zweite Bild zeigt. Er hat nur drei MN-Teile. Ich habe ihn für ein Fragment eines Dileptus gehalten, der während der Probenpräparation einen Unfall hatte. Möglicherweise ist die große plumpe Zelle der andere Teil. Dann könnten diese Organellen irgendwie mit der Zellregeneration im Zusammenhang stehen.

Dein Vorschlag eines Symbionten (oder Parasiten??) scheint mir aber durchaus plausibel zu sein. Was die Einstülpung betrifft, ist das lichtmikroskopisch ohnehin kaum zu beweisen. Es kann genausogut sein, dass die optisch dichtere Komponente randständig in der Vakuole liegt, aber eine vollständig geschlossene eigene Membran ohne direkten Kontakt zur Umgebung hat; das könnte man nur elektronenmikroskopisch differenzieren. Was man lichtmikroskopisch sieht, spricht jedenfalls nicht gegen deine Hypothese. Wobei Foissner von symbiotischen Grünalgen schreibt; die Strukturen im Dileptus hatten aber nicht mal andeutungsweise eine Grünfärbung, keinerlei Hinweis auf Chlorophyll. Dummerweise bin ich auch nicht auf den Gedanken gekommen, die Autofluoreszenz zu testen.

Nach allem, was du geschrieben und gezeigt hast und ich gesehen habe, dürfte eines sicher sein: Diese Strukturen gehören nicht zur üblichen und ständig vorhandenen Zellausstattung, sondern sind gattungsübergreifend wohl nur in einzelnen Exemplaren zu finden. Das wäre gut mit einem Parasitenbefall zu vereinbaren.

Jedenfalls bin ich jetzt auch sensibilisiert und werde zukünftig auf solche Strukturen achten.

LG
Bernhard