Autor Thema: 24 000 Jahre überleben  (Gelesen 460 mal)

Michael Plewka

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24 000 Jahre überleben
« am: Juni 08, 2021, 19:29:30 Nachmittag »
Hallo zusammen,

es soll wohl Menschen geben, die sich vor ihrem Tod einfrieren lassen, um sich nach einer (un) gewissen Zeit wieder auftauen zu lassen. Möglicherweise mit dem Wunsch, dann  in einer "besseren" Welt weiterleben zu können. 

Rädertiere scheinen "zu wissen", wie das geht. Darauf, dass bdelloide Rädertiere ziemliche Überlebenskünstler sind, hatte ich hier schon einmal hingewiesen.
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=38028.0

In einem soeben erschienen Artikel:
https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(21)00624-2?_returnURL=https%3A%2F%2Flinkinghub.elsevier.com%2Fretrieve%2Fpii%2FS0960982221006242%3Fshowall%3Dtrue

wird über eine Adineta-Art berichtet, die in einem Bohrkern gefunden wurde, der aus sibirischem Permafrost-Boden gebohrt wurde, welcher  nachweislich 24 000 Jahre alt ist. Alles spricht dafür, dass dieses Rädertier diese 24 000 Jahre im Permafrost überdauert hat. Im "Spiegel" steht auch noch was dazu:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/raedertierchen-im-permafrost-leben-nach-24-000-jahren-im-eis-gefunden-a-929f5be9-3a3b-4d55-9342-3bedb95bfb82

Vor ein paar Jahren wurde das Tier aufgetaut und geklont; ich hatte die Gelegenheit, diese Rädertiere  anschließend zu fotografieren:





Wer noch mehr Details sehen möchte:

https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Adineta%20permafrost.html


Beste Grüße
Michael Plewka

Rawfoto

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #1 am: Juni 08, 2021, 19:56:01 Nachmittag »
Hallo Michael,

Eine absolut spannende Geschichte, nicht alltäglich was Du da sehen durftest. Wurde da wirklich nur eines aufgetaut? So ein Bohrkern hat ja schon etliches an Volumen ...

Liebe Grüße

Gerhard

PFS: schöne Abrundung zu deinem tollen Vortrag vergangenem Samstag 👍👍👍
Gerhard
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Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...

jcs

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #2 am: Juni 08, 2021, 21:13:31 Nachmittag »
Hallo Michael,

sehr interessante Geschichte! Das "Haltbarkeitsdatum" für Tiefkühlung wurde hier wohl deutlich überschritten. Hat sicher viel Spaß gemacht, an diesem Projekt mitzuarbeiten, nehme ich an.

LG

Jürgen

Martin Kreutz

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #3 am: Juni 08, 2021, 21:36:04 Nachmittag »
Hallo Michael,

ich kann Dir zu dieser Arbeit auch nur gratulieren! Tatsächlich scheint dieser Fund von internationalem Interesse zu sein. Auf allen Kanälen wird der Artikel und Deine Bilder zitiert. Heute morgen fand ich es schon auf Spiegel, ntv, Bild der Wissenschaft, Spektrum oder Der Standard.

Mich würde noch interessieren, wie Du zu den Originalproben gekommen bist. Hat man Dir einen Eisblock geschickt, mit der Aufschrift "mach was draus" oder waren die Adineta schon "vorgewärmt" und lebend?

Martin

Päule Heck

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #4 am: Juni 08, 2021, 21:58:32 Nachmittag »
Hallo Michael,
ich bin tief beeindruckt. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Fund und Deinen Aufnahmen.
Herzliche Grüße
Päule
 

David 15

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #5 am: Juni 08, 2021, 22:12:44 Nachmittag »
Hallo Michael,

großartig! Mein Vater kam kürzlich mit dem Handy zu mir gelaufen und hat mir den Artikel gezeigt. Meine erste Reaktion: "Das Foto kann doch nur von Michael Plewka sein" ;)

Liebe Grüße
David
''Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.'' ( Albert Schweitzer)

Vorstellung: ''Hier''

plaenerdd

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #6 am: Juni 08, 2021, 22:29:44 Nachmittag »
Hallo Michael,
ich dachte gestern beim Lesen des Spiegelartikel: "Da haben die irgendein schönes Foto vom Michael als Illustration genommen, damit die Leute wissen wie ein Rädertier aussieht". Schön das das nicht so ist und Du das Original fotografieren durfest! Ich stelle mir vor, wie die Tiere in einer kleinen Pfütze leben, die sich im Fußabdruck eines Mammuts gebildet hat.
Beste Grüße
Gerd
Fossilien, Gesteine und Tümpeln mit
Durchlicht: Olympus VANOX mit DIC, Ph, DF und BF; etliche Zeiss-Jena-Geräte,
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SNoK

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #7 am: Juni 08, 2021, 23:16:42 Nachmittag »
Faszinierendes Phänomen Michael, danke für den Hinweis, ich hatte es noch nicht gesehen. Ich habe schon oft über Anabiose nachgedacht, aber 24.000 Jahre, wie soll das gehen? Irgendein minimalster Stoffwechsel muss doch ablaufen, und wenn er auch noch so gering ist. Und das verbraucht Kalorien, die nicht nachgeliefert werden. Da muss doch mal irgendwann Schluss sein. Hat das mal jemand durchgerechnet?

Und was heißt das jetzt für mich....tieffrieren und warten? Ein paar Kalorien hätte ich zuzusetzen, aber lange hält das nicht.

Stephan
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Objektive: Plan Fluotar und Plan Apo
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Michael Plewka

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #8 am: Juni 09, 2021, 19:25:10 Nachmittag »
Hallo zusammen,


vielen Dank für die netten Rückmeldungen!

Wie schon von einigen angemerkt worden ist: der Fund dieses Rädertiers ist sicherlich spektakulär und wird noch die eine oder andere Diskussion nach sich ziehen. Es wäre sicherlich spannend gewesen, bei den Bohrungen und Untersuchungen mit dabei zu sein, allerdings hat sich meine Rolle darauf beschränkt, über die Sendungsverfolgung mitzubekommen, wie die Proben erst am Frankfurter Zoll und  dann am Essener Zoll innerhalb von 3 Wochen vergammelt sind (Russland gehört nicht zur EU!). Die zweite Sendung gelangte dann mittels  verschiedener Wissenschaftler  auf Kongressen über Rom und Frankreich zu mir, wo ich die Viecher dann fotografieren konnte.

@ Gerhard:
Du hast natürlich recht: es waren mehrere dieser Rädertiere in einer Schicht von Eis innerhalb des Bohrkerns, aus denen dann  Kulturen gezogen wurden, die aber genetisch identisch sind, wie entsprechende  Analysen gezeigt haben.

@ Stephan:
Im Permafrost können sich die Atome innerhalb der Moleküle zwar an einem Ort bewegen (thermische Eigenbewegung), aber  die Moleküle  verlassen diesen Ort  nicht. Demzufolge finden keine chem. Reaktionen und somit auch kein Stoffwechsel statt. Rechnungen zum Energieumsatz sind somit überflüssig.

Beste Grüße
Michael Plewka

SNoK

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Re: 24 000 Jahre überleben
« Antwort #9 am: Juni 09, 2021, 20:00:07 Nachmittag »
Lieber Michael,

für Leben gibt es ja bekanntermaßen keine eindeutige Definition, sondern nur Kriterien. Ein zentrales Kriterium ist der Stoffwechsel. Wenn also das Rädertierchen keinen Stoffwechsel mehr hat, ist es nach der gängigen Definition tot. Und tot bedeutet, es ist kein Leben mehr. Wenn es aber von tot wieder zu lebendig wird (die Christen würden freudig zustimmen, ich nicht), dann ist es spannend, wie man in diesem Fall Leben definiert. Ich halte demnächst einen Vortrag über die Mikroorganismen vor Physikern und anderen klugen Menschen. Da werde ich das mal thematisieren.

Grüße
Stephan
« Letzte Änderung: Juni 09, 2021, 20:08:06 Nachmittag von SNoK »
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