Nomenklatur Botanik

Begonnen von anne, März 07, 2022, 15:45:28 NACHMITTAGS

Vorheriges Thema - Nächstes Thema

anne

Hallo,
als Nichtlateiner und auch als Nichtbiologe habe ich folgende Frage.
Namen von Diatomeen bekommen oft den Zusatz des Namens einer Person, diese enden dann z. B. auf ii, wie Grunowii.
Es gibt aber auch die Endung iae.
Ist das weiblich und männlich?
Dann stehen die Namen oft auch in Klammern hinter der Art z. B. (Greville 1889).
Ist das dann derjenige der die Art beschrieben hat?
Nur mal so zum Verständnis.
lg
Anne

beamish

#1
Hallo Anne,

deie Vermutung ist genau richtig (m/w). Der Name und Datumzusatz ist der Name des Erstbeschreibers. Er bleibt immer bei der Art, auch wenn diese Art später einem anderen Genus zugeordnet wird: dann kommt der Name in Klammern und dahinter der Name dessen, der die Neukombination vorgenommen hat.

Grüße
Martin

PS: dies und noch viel mehr ist im "International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants" geregelt, an dem ständig gearbeitet wird. Derzeit gültig ist die Version Shenzhen 2018: https://www.iapt-taxon.org/nomen/main.php
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D

anne

Lieber Martin,
herzlichen Dank!
lg
anne

Rene

Hi Anne, this might help as a guide to the Code: https://book4you.org/book/2283583/a5d59d

Best wishes, René

liftboy

Hallo erstmal,

und damit ist das Elend noch nicht am Ende! Dann haben wir ja noch das Taxon. Wie soll das in Zukunft laufen? Wie bisher nach Linné oder nach den neuen Kladogrammen?

Grüße
Wolfgang
http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=785.msg3654#msg3654
LOMO-Service
Das Erstaunen bleibt unverändert- nur unser Mut wächst, das Erstaunliche zu verstehen.
Niels Bohr

Rene

good point Wolfgang. In any case we need to bridge old knowledge to the new results of pimple faced molecular biology  ;)

beamish

Lieber Wolfgang,
ich sehe dein Problem nicht. "Taxon" ist nur ein Fremdwort für "Art" und ein Kladogramm die grafische Darstellung eines Abstammungsbaumes, wie der Stammbaum deiner Familie.

Grüße
Martin
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D

Rene

Hello Martin, from my point of view: when do you call an Art an Art? The Linné concept isn't really working for my field of work. But we make do.
Best wishes, René

Gerd Schmahl

Hallo Martin,
Zitat von: beamishTaxon" ist nur ein Fremdwort für "Art"
das stimmt nicht. Auch eine Klasse oder Ordnung ist ein Taxon. Das bedeutet einfach nur "Kategorie". Die Diskussion zur phylogenetischen Systematik nach Hennig wurde schon vor 35 Jahren heiß geführt und man ist nach vielen Diskussionen wohl doch zu dem vernünftigen Schluss gekommen, das die Binäre Nomenklatur bei zu behalten ist, aber trotzdem möglichst die Phylogenese widerspiegeln sollte. Die Methoden der phylogenetischen Systematik sind dabei aber durchaus brauchbar, nur dass die Gattung ein mehr oder weniger künstliches Taxon ist, in dem mehrere Arten trotz unterschiedlicher Verwandtschaftsnähe zusammengefasst werden. Die Gattung selber soll aber monophyletisch sein. Man fasst also mehrere Knoten des Kladongramms zu einer Gattung zusammen, sonst wird die Systematik nicht mehr handhabbar. Real existieren aber nur die Arten, während die höheren Taxa ihre verwandtschaftlichen Beziehungen widerspiegeln sollen.
Beste Grüße
Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Rene

'Alle unsere Gattungen sind mehr oder weniger künstlich und haben nur insofern Wert, als sie uns die Überblick über die organischen Gebilder erleichtern'

Albert Grunow, 1880.

Amen

limno


Guten Abend Rene,
nun ist dieser Ausspruch doch schon sehr in die Jahre gekommen. Die Möglichkeiten der Molekularbiologie, um stammesgeschichtliche Verwandtschaften zu ermitteln, waren da noch nicht einmal im Ansatz erkennbar. Damals waren vor allem morphologische Merkmale für die Zuordnung maßgebend, weil  andere kaum bekannt waren.

Mit besten Grüßen
Heinrich
So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.

Rene

so it is Heinrich, but don't count yourself rich with the current state of molecular biology. You can't really delineate taxa on amount of genetic difference, it is simply not comparable between groups. Ideally you would need to take into account the whole genome instead of a few genes, and if you do, you will need to make an assumption what 'worth' you will have to assign to one piece of DNA over another for calculation of genetic distance and what splits are of importance and which lesser so. How much worth is the 'junk' DNA over a gene, we simply have hardly a clue.

Best wishes, René

Rene

I said this before:

'Not sure whether this makes a comforting or depressing thought (or both), but at least it makes it workable. Compared to looking for the holy grail in taxonomy, that is'

Best wishes, René

beamish

Ok, dass ich den Begriff Taxon hier synonym für Species/Art verwende, ist nicht sauber, da damit die Namen beliebiger Stufe (Art, Familie etc. ) bezeichnet werden können.
Grüsse
Martin
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D

Flagellate

René hat es eigentlich schon auf den Punkt gebracht.
Die Morphologie ist in vielen Fällen nicht zielführend. Daher wird heute genetisch gearbeitet. Hier stellt sich dann aber eben die Frage wie groß die genetischen Unterschiede sein müssen um Arten (oder auch andere Taxa) zu definieren. Bezogen auf alle Lebewesen, gibt es nicht die eine Gensequenz, die alles erklären kann. Markergene, also solche die für Art-Definitionen genutzt werden, sind stark von der Gruppe der Lebewesen abhängig. Wir messen eben mit verschiedenen Maßstäben.
So oder so, "Arten" und die Taxonomie als Ganzes ist ein rein künstliches Konstrukt um die Welt zu sortieren. Natürlich ist es nicht willkürlich und wir streben Kategorien an, die wir durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede wissenschaftlich begründen können, das was dann aber auch schon.
Es gibt weder Arten noch andere Taxa, sondern lediglich Populationen von Individuen die im biologisch/ökologischen Kontext als eine funktionale Einheit betrachtet werden können, wobei selbst das schon wieder eine Kategorie ist, da jedes Individuum (in Raum und Zeit) streng genommen einzigartig ist. Um hier "Ordnung ins Chaos" zu bringen nutzen wir die Abstammungsgeschichte und leiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede ab.

Grüße,
Tobias