Interessante Pilzfunde 79 - Graubrauner oder Bleigrauer Täubling

Begonnen von Bernd Miggel, Juli 09, 2023, 19:07:16 NACHMITTAGS

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Bernd Miggel

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Einführung, Lebensweise und Verbreitung

Heute möchte ich einen sehr seltenen, extrem scharf schmeckenden Täubling, den Graubraunen oder Bleigrauen Täubling (Russula consobrina), vorstellen. Er wird recht groß, besitzt einen grauen bis graubraunen Hut, cremefarbige Lamellen, einen weißen Stiel und cremefarbiges Sporenpulver. Man findet ihn bevorzugt bei Fichten in sauren, feuchten Moorwäldern des Berglandes. Dabei bevorzugt er die Moorränder und wächst dort gerne im Torfmoos (Sphagnum spec.). Die Rote Liste Deutschlands (2016) weist diese Rarität als ,,vom Aussterben bedroht", d.h. in der Gefährdungskategorie 1, aus.

Für einige der hier gezeigten Bilder möchte ich mich herzlich bei Matthias Wolf, Uwe Winkler und Rose Marie Dähnke bedanken.

Bild 1 - Wuchsort des beschriebenen Fundes, ein Bergmoorwald mit Fichten, Ebereschen, Blaubeeren und Sphagnum-Moos. Foto: Matthias Wolf.



Bernd Miggel

#1
Makroskopische Merkmale

Der bis 12 cm breite Hut ist grau bis graubraun, im jungen Zustand halbkugelig bis kugelig (Bild 3), breitet sich bald aus und bekommt schließlich ein vertieftes Zentrum (Bilder 2 und 4). Die Huthaut ist glatt oder leicht gerunzelt, bei feuchtem Wetter klebrig bis schleimig und glänzend und zu Dreivierteiln des Radius oder sogar komplett abziehbar. Der Hutrand ist glatt, allenfalls bei älteren Exemplaren sehr schwach gerieft. Beim Torfmoos der Bilder 2 bis 4 handelt es sich um das Girgensohn'sche Torfmoos (Sphagnum girgensohnii)

Bilder 2 und 3 – Graubraune Hüte, weiße Stiele, weißes Fleisch. Junger Fruchtkörper mit fast kugeligem Hut und runzliger Huthaut, Fotos: Uwe Winkler.




Bernd Miggel

#2
Die Lamellen sind brüchig und recht weich, stehen dicht, sind untermischt und vielfach in Stielnähe gegabelt, anfangs weißlich, mit zunehmender Reife cremefarben, schließlich graustichig. Der Stiel ist zylindrisch bis schlankkeulig, längs gerunzelt, weiß, alt schwach grauend oder bräunend. Das Fleisch ist weiß, jung recht fest, kann aber im frischen Anschnitt schwach röten und nimmt danach oft einen Grauton an. Der Graubraune Täubling riecht schwach obstig und schmeckt leicht verzögert äußerst scharf. Walter Pätzold wird folgender Spruch zu Russula consobrina nachgesagt: ,,Grau in grau und scharf wie d'Sau".


Bild 4 -  Vier Exemplare von jung bis alt mit graubraunem, einer mit speckig glänzendem Hut. Beim rechten Fruchtkörper sind die cremefarbifen Lamellen und der schwach grauende Stiel erkennbar. Foto: Uwe Winkler.



Bernd Miggel

#3
Sporenstaubfarbe
Lässt man den Sporenstaub über Nacht ausfallen, ergibt sich ein hell cremefarbener Abdruck, IIa-b nach der Farbtafel in MARXMÜLLER, H. (2014).

Makrochemische Farbreaktionen
FeSO4 ergebt eine rosa Reaktion.
Formaldehyd färbt das Fleisch spontan rosa.
Anilin färbt die Lamellen nach DÄHNKE, R.M. (1993) lachsrötlich mit blauem Hof (Bild 5).


Bild 5 – Studioaufnahme mit Anilin-Reaktion auf den Lamellen. Foto: Rose Marie Dähnke



Bernd Miggel

#4
Mikroskopische Merkmale

Die Sporen sind meist rundlich, seltener breit ellipsoid, mit einem Längen-Breiten-Verhältnis Q = 1,05-1,21. Sie besitzen ein warzig-gratig-netziges, stark amyloides Ornament mit einer gemessenen Höhe von maximal 0,5 µm. Die Sporengröße betrug bei einer eigenen Messung (vom Exsikkat abgenommen) L x B = 6,5-8,7 x 5,8-7,7 µm.
EINHELLINGER, A. (1985) gibt folgende Werte an: (7) 8-9 (10) x (6) 6,5-8 µm, bei einer maximalen Ornamenthöhe von 0,8 µm.


Bild 6 - Die Sporen (vom Exsikkat) in Melzers Reagenz. Foto: Bernd Miggel


Bernd Miggel

#5
Die Epikutis besteht zum einen aus langen, schlanken, mehrfach septierten, unverzweigten, apikal verdickten, verjüngten oder gerundeten, 2-4 µm breiten Epikutishaaren. Manche dieser Haare sind geradlinig, andere angedeutet moniliform (perlschnurartig) (Bild 7). Zum anderen besteht die Epikutis aus langen, zylindrischen,  apikal gerundeten, doch auch verjüngen oder mit köpfchenartiger Verlängerung versehenen Pileozystiden. Sie sind meist ein- bis dreizellig, in Sulfovanillin grauendend und bis etwa 7 µm breit (Bilder 8 und 9). Beide Elementtypen sind in eine zähschleimige Huthautmasse eingebettet.


Bild 7 - Epikutishaare in NH3-Kongorot (Radialschnitt vom Exsikkat). Foto: Bernd Miggel
Bilder 8 und 9 - Pileozystiden in Sulfovanillin (Abziehpräparat vom Exsikkat). Fotos: Bernd Miggel







Bernd Miggel

#6
Notizen
•    Die eigene Sporenmessung (s.o.) weist gegenüber der Fachliteratur recht kleine Sporen aus. Dies ist möglicherweise darin begründet, dass die Sporen vom Exsikkat abgenommen wurden und z.T. noch unreif waren.

Eine Auswahl ähnlicher Täublingsarten mit grauem bis braunem Hut
•    Der Wieseltäubling (Russula mustelina) ist ebenfalls eine Art des Bergfichtenwaldes. Er schmeckt allerdings angenehm mild, seine Huthaut ist nur ganz am Rand abziehbar, und sein Fleisch ist härter als bei unserer Art.
•    Die Arten der Gruppe der ,,Kammtäublinge" (Pectinatae) besitzen im reifen Zustand stets einen breit kammrandig gerieften Hut. In dieser Gruppe gibt es milde bis sehr scharf schmeckende Arten.
•    Recht ähnlich unserer Art ist der Rauchbraune Schwärztäubling (Russula adusta), ebenfalls eine Art des Bergfichtenwaldes. Auch das leichte Röten und spätere Grauen des Fleisches hat er mit unserer Art gemein. Allerdings schmeckt er nahezu mild, und sein Sporenpulver ist weiß.
•    Der Scharfblättrige Schwärztäubling (Russula acrifolia) ist  unserer Art ebenfalls sehr ähnlich, doch wächst er unter Laubbäumen auf Kalkböden, und sein Sporenpulver ist weiß. Auch schmeckt er nur in den Lamellen sehr scharf.
•    Der Braune Ledertäubling (Russula integra) besitzt wärmer braune bis rotbraune Hutfarben. Er schmeckt mild, und sein Sporenstaub ist gelb.

Literatur
•    BON, M. (1988): Pareys Buch der Pilze: 78-79.
•    DÄHNKE, R.M. (1993): 1200 Pilze in Farbfotos: 851.
•    EINHELLINGER, A. (1985): Die Gattung Russula in Bayern. Hoppea, Denkschr. Regensb. Bot. Ges. 43: Nr. 34.
•    GAGGENMEIER, H. (1988): Zum Vorkommen des Graubraunen Täublings im Bayerischen Wald. In: Der Bayerische Wald 18 (1988), 1: 16-23
•    GALLI, R. (1996): Le Russule: 162-163.
•    KIBBY, G. (2014): The genus Russula in Britain: 38, 93.
•    KRÄNZLIN, F. (2005): Pilze der Schweiz Bd. 6, Russulaceae: Nr. 111.
•    KRIEGLSTEINER, G.J. (2001): Die Großpilze Baden-Württembergs, Bd. 2. Ständerpilze: Blätterpilze I: 560-561.
•    MARXMÜLLER, H. (2014) - Russularum Icones: 236-237.
•    MICHAEL, M., Hennig, B. & Kreisel, H. (1983): Handbuch für Pilzfreunde Band V Blätterpilze – Milchlinge und Täublinge: Nr. 74.
•    ROMAGNESI, H. (1985): Les Russules d ́Europe et d ́Afrique du Nord: 375-377.
•    SARNARI, M. (1998): Monographia illustrata del genere Russula in Europa 1: 587-592.
•    SCHWÖBEL, H. (1974): Die Täublinge. Beiträge zu ihrer Kenntnis und Verbreitung (III). – Z. Pilzkd. 40: 156.
•    https://de.wikipedia.org/wiki/Ru%C3%9Fgrauer_T%C3%A4ubling
(abgerufen am 9.7.2023).
•    https://fundkorb.de/pilze/russula-consobrina


Viel Freude beim Anschauen!
Bernd



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