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Spezielles Okular

Begonnen von Paul H., Juli 27, 2023, 17:22:35 NACHMITTAGS

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Paul H.

Ich bin kürzlich in den Besitz eines Krüss-Trommelmikroskops von 1858 oder 1859 gelangt. In Internet habe ich davon lediglich zwei Exemplare gefunden. Beide befinden sich in je einer umfangreichen Sammlung in Deutschland (Th. Mappes) bzw. in den USA (Allan Wissner). Diese unterscheiden sich jedoch in einem wesentlichen Punkt von meinem Exemplar: sie verfügen über ,,normale" Okulare. Meine Ausgabe verfügt über ein Okular, welches mit zwei Linsen ausgestattet ist und als Lupe verwendet werden kann. Nun würde mich interessieren, ob jemand ein Mikroskop aus ungefähr dieser Zeit mit einem vergleichbaren Okular kennt oder ob dieses allenfalls später hinzugefügt wurde. Für einsprechende Hinweise wäre ich dankbar.
Ausrüstung:
Olympus BHS, SPlan-Apochromate 4x bis 100x Öl
Zeiss Standard 25, Oktovar + Neofluare.
Verfahren: Hellfeld, Dunkelfeld, Polarisation und Phasenkontrast.

beamish

Hallo Paul,

daß ein Okular zwei Linsen hat, ist völlig normal. Es würde sonst gar nicht funktionieren. Mir scheint bei deinem Exemplar etwas falsch zusammengebaut zu sein. Die "Einblickslinse" sieht für mich aus, als ob sie eigentlich das untere Ende eines Okulars wäre.

Grüße
Martin
Zeiss RA mit Trinotubus 0/100
No-Name China-Stereomikroskop mit Trinotubus
beide mit Canon EOS 500D

Paul H.

Ein normales Okular könnte man gar nicht verkehrt hineinschieben. Beide Seiten sind hier identisch (man kann es also durchaus auch umgekehrt einschieben). Alte Okulare sind oft nur "einlinsig"; die betreffenden Mikroskope haben eine Tubuslinse, die separat vom Okular eingebaut ist. Das vorliegende Mikroskop hat keine Tubuslinse. Trotzdem besten Dank für den Hinweis.
Ausrüstung:
Olympus BHS, SPlan-Apochromate 4x bis 100x Öl
Zeiss Standard 25, Oktovar + Neofluare.
Verfahren: Hellfeld, Dunkelfeld, Polarisation und Phasenkontrast.

Werner

"Alte" Okulare sind zweilinsig, Bauart Newton oder Ramsden. Durch diese zwei einfachen plankonvexen Linsen richtiger Ausführung gelang es, sowohl die chromatische, als auch die sphärische Aberration zu kompensieren. Mit einer Einzellinse gelingt das nie.

Gruß - Werner

olaf.med

Ich schließe mich unbedingt Werners Meinung an! Meine Vermutung ist, dass bei diesem Okular der Einblick mit der Augenlinse fehlte und man einfach eine Feldlinse dafür eingeschraubt hat. Das ist völlig unproblematisch möglich, da bei den Hülsen dieser Okulare auf beiden Seiten identische Feingewinde eingeschnitten sind. Dass man diese Kombination - übrigens natürlich auch alle normalen Okulare - als Lupe benutzen kann ist selbstverständlich.

Herzliche Grüße,

Olaf
Gerne per Du!

Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=4757.0

... und hier der Link zu meinen Beschreibungen historischer mineralogischer Apparaturen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34049.0

Lupus

Hallo,

ZitatAlte Okulare sind oft nur "einlinsig"; die betreffenden Mikroskope haben eine Tubuslinse, die separat vom Okular eingebaut ist.
das ist nicht ganz richtig, "ganz alte" Mikroskope hatten zwar tatsächlich regelmäßig eine fest im Tubus eingebaute große Feldlinse, dann war aber meist auch die hintere Augenlinse nicht einfach in einer Hülse herausziehbar, sondern musste abgeschraubt werden. Die "Tubuslinse" war optischer Bestandteil des Okulars, nämlich die Feldlinse des Okulars vom Typ Huygens aus den 1660er Jahren. Praktisch alle späteren Okulare (jedenfalls für Mikroskope um die Mitte des 19. Jh.) waren zweilinsige herausziehbare Okulare.
ZitatMeine Ausgabe verfügt über ein Okular, welches mit zwei Linsen ausgestattet ist und als Lupe verwendet werden kann.
Huygens-Okulare lassen sich eigentlich nicht als Lupe verwenden, da sich die vordere Feldlinse immer vor dem zu betrachtendem Objekt befindet (außer man hält es falsch herum mit Einblick in die große Feldlinse). Die andere historische zweilinsige Bauart, das Ramsden-Okular, lässt sich gut als Lupe verwenden wenn das Objekt nahe vor die Frontlinse gehalten wird. Die beiden Linsen sind etwa gleich groß und haben etwa die gleiche Brennweite. Insofern würde es sich hier wohl um eine Art Ramsden-Okular handeln. Trotzdem wäre die Bauweise ohne oberen Anschlag der Okularhülse sehr ungewöhnlich, jedenfalls habe ich so eine Bauweise an einem historischen Mikroskop noch nie gesehen.

Hubert

Paul H.

Meinen herzlichen Dank an alle, die sich die Mühe genommen haben, auf meine Frage so ausführlich zu antworten. Die Vermutung, dass es sich hier um ein umgebautes Okular handelt, dürfte richtig sein (war übrigens auch meine; ich wollte jedoch sicher gehen, dass ich mich da nicht irre, denn es schien mir eher ungewöhnlich, dass jemand ein Okular aus zwei zusammensetzt und so optisch gesehen das Mikroskop quasi unbrauchbar macht). Ich hatte da offenbar ein Definitionsproblem. Für mich war bisher eine Tubuslinse eine Linse, welche Teil des Tubus ist und nicht Teil des Okulars. Bei herausziebaren Okularen ist die Situation klar, aus meiner Sicht jedoch nicht dort, wo der Teil, der im Strahlengang zwischen Objektiv und "Einsichtstelle" die erste Linse enthält, fest mit dem Tubus verschraubt ist. Aber ich lasse mich da gerne belehren.
Nun hoffe ich, eine Optik zu finden, welche auf dieses Mikroskop passt (was bei dieser grossen Tubuslänge und dem ungewöhnlichen Durchmesser des Okulars von 25,0 mm schwierig sein dürfe. Ich besitze mehrere Mikroskope von verschiedenen Herstellern aus der Zeit zwischen 1860 und 1870; keines der dort vorhandenen Okulare passt, wobei dies optisch gesehen auch nicht funktionieren würde, da nur eines über eine vergleichbare Tubuslänge verfügt).
Mit den besten Grüssen an alle Liebhaber antiker Mikroskope
Paul
Ausrüstung:
Olympus BHS, SPlan-Apochromate 4x bis 100x Öl
Zeiss Standard 25, Oktovar + Neofluare.
Verfahren: Hellfeld, Dunkelfeld, Polarisation und Phasenkontrast.