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Umdenken

Begonnen von Michael Plewka, August 10, 2026, 20:02:01 NACHMITTAGS

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Michael Plewka

Hallo zusammen,

dieser Beitrag bezieht sich auf eine Beobachtung, die zwar schon fünf Jahre alt ist, aber jetzt  durch eine Beobachtung von einem Mikroskopie-Kollegen, siehe hier:
https://www.youtube.com/watch?v=KkMHMBd1Xzo

wieder aktuell geworden ist. Ich  hatte damals vergleichbare Epibionten auf einem anderen Rädertier, nämlich Filinia gefunden und diese  als (Zoo-) Flagellaten  abgehakt.



Weitere, zumindest ähnliche Epibionten hatte ich auch schon mal auf  anderen Rädertieren gesehen, siehe hier:

https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Keratella%20quadrata.html

oder hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Polyarthra%20vulgaris.html

Da stellt sich nun weiterhin die Frage: können diese Viecher genauer bestimmt werden?

Letztlich kann diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beantwortet werden, aber die Tatsache, dass zumindest bei Filinia als Wirt diese Flagellaten neben anderen Kennzeichen  ein Stigma, das heißt einen  orangefarbenen Augenfleck (Pfeilköpfe) haben, deutet auf eine Goldalge (Chrysophyceae) hin, möglicherweise solche der Gattung Spumella:



weitere Fotos hier:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Filinia%20longiseta.html

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ich bisher keine Literaturstelle gefunden habe, die überhaupt eine  Goldalge als Epibionten auf  anderen Organismen ausweist.

Nun beschreibt der Begriff ,,Epibiont"  ja lediglich den Fakt, dass ein Organismus auf einem anderen Organismus lebt, d.h. daraus ergibt  sich keine Aussage zur ökologischen Bedeutung dieser Besiedlung.

Handelt es sich dabei um einen Parasiten?  Oder ist es eine Symbiose?

Man kann davon ausgehen, dass das Zusammenleben dieser zwei Arten dem Wirt auf jeden Fall schadet, da möglicherweise die Fortpflanzung behindert wird und wegen  erhöhter Reibung/ Strömungswiderstand  mehr Energie  zur Fortbewegung verbraucht wird. Demzufolge handelt es sich nach meinem bisherigen Kenntnisstand also um Parasitismus, also keinesfalls um Symbiose (= das Zusammenleben zweier Organismenarten zum gegenseitigen Nutzen)

Wie aber bereits in der Wikipedia zu lesen ist, gibt es insbesondere im US-amerikanischen Raum eine andere Definition für den englischen Begriff  ,,symbiosis". Dort versteht man unter ,,symbiosis": das (in vielen Fällen koevolutionäre) Zusammenleben zweier  Organismenarten  (wobei Kosten oder Nutzen keine Rolle spielen.)
Vermutlich würde also im US amerikanischen Sprachgebrauch diese Beziehung von Epibiont und den jeweiligen Wirtsorganismen  als ,,symbiosis" bezeichnet.

Da ich gerade ein Preprint  einer ökologische Arbeit zu Rädertieren bekommen habe und zunächst den Text überhaupt nicht nachvollziehen konnte, da ich von ,,europäischen Verhältnissen" ausgegangen war, ist es vielleicht ganz sinnvoll, mal auf diesen Unterschied der Definitionen von ,,Symbiose" an dieser Stelle hinzuweisen


Beste Grüße,
Michael Plewka



Gerd Schmahl

Hallo Michael,
ich danke Dir für den Hinweis, dass das Wort "symbiosis" nicht synonym zum Wort "Symbiose" zu verstehen ist, sondern aufgrund der anderen Konnotation zu den "falschen Freunden" gehört, wobei ja die US-amerikanische Version die Übersetzung aus dem Griechischen ("zusammen leben")eigentlich besser trifft als die europäische.
LG Gerd
Man sagt der Teufel sei, im Detail versteckt,
doch hab' ich mit dem Mikroskop viel Göttliches entdeckt.

Daniel Scheibenstock

Hallo Michael,

die Begrifflichkeiten sind meines Erachtens schon wichtig.  Ich war nämlich der Meinung, gelesen zu haben, dass eine Symbiose : Mutualismus nur dann vorliegt, wenn beide Partner einen Nutzen davon haben. Alles andere wäre dann eher Koexistenz, Parasitismus bzw. Teil- oder Vollparasitismus. Oder habe ich da inzwischen veraltetes Wissen? 😅

Und zu dem hier gezeigten Fall noch eine ganz steile These: Könnte das vielleicht das ,,Goldalgen-Taxi sein?

Lg Daniel
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Motic BA310 LED (DL: PH; DF;POL, AL: POL)
Zeiss Universal (DL: Fluo; POL AL: Fluo,POL. DIC)
Zeiss IM35 (DL; PH; Fluo;POL)
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Bresser Stereolupe

Vorstellung: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=48126.0

Alfons Renz

#3
Hallo, liebe Umdenker,

Manchmal muss man doch zu den Wurzeln zurück, Back to the roots.

Der Begriff 'Symbiose' für das Zusammenleben unterschiedlicher Organismen wurde geprägt von Anton de Bary, Professor der Botanik in Strassburg. In einem Vortrag anlässlich der Jahrestagung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Cassel hatte er die unterschiedlichen Formen der Symbiose im Lichte der Evolutionstheorie von Darwin zu erläutert. Was offenbar damals schon zu Missverständnissen führte und de Bary veranlasste, seine Idee 1879 nachträglich zu publizieren. Diese Arbeit ist heute noch lesenswert:

https://books.google.com.sg/books?id=7oQ_AAAAYAAJ&printsec=frontcover&hl=de&source=gbs_ge_summary_r&cad=0#v=onepage&q&f=false


Anto de Bary war noch zur Zeit Hugo von Mohls Privatdozent der Botanik in Tübingen, bevor er nach Strassburg - damals Deutsche Universität - berufen wurde. Er hatte bei der Gründung der ersten Naturwissenschaftlichen Fakultät Deutschlands in Tübingen erfahren, wie wichtig es ist, sich von den utilitaristischen Zielen der Medizin und den dogmatischen Prinzipien der Theologie zu lösen.

'Symbiose' begreift er als Überbegriff für das Zusammenleben von Organismen, wobei er Parasitismus, Commensalismus und Mutalismus unterscheidet. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass diese Zuordnung - was ist nützlich oder schädlich, und für wen? - einer Wertung unterliegt, die im Detail hinterfragt werden kann (oder muss...).

Leider hat sich der Begriff 'Mutualismus' weniger eingeprägt als Symbiose, wobei Letzere heute fälschlicherweise im Deutschen oft als Synonym für Mutualismus verwendet wird.
 
Grüße,

Alfons

   


Spectrum

#4
Hallo Michael,
Ein in jederlei hinsicht wunderbarer Beitrag!
Toller Fund, perfekte Bilder und hochinteressante Fragestellung.

Grundsätzlich lässt sich so eine Lebensgemeinschaft aus zwei interagierenden und räumlich eng "beieiander" oder "ineinander" lebenden Organismen also wie Alfons bereits schon so schön formuliert hat wie folgt einteilen:

-Parasitismus:
Eine Lebensform profitiert auf Kosten der anderen.
Oder um bei Gerds Ausdrucksweise zu bleiben, die "falschen Freunde"

-Mutualismus
Beide Partner profitieren (unter den gegebenen Umständen) voneinander
Das wären dann die "wahren Freunde" bzw gute Geschäftspartner

-Kommensalismus
Hier profitiert der eine, und dem anderen ist's egal, da ein Partner (der Wirt) weder Vor- noch Nachteile von seinem Mitbewohner hat
Ein "Anhalter" bzw "Tischgenosse" sozusagen, der nicht schadet.

Für besonders wichtig halte ich den Hinweis den Alfons wie folgt beschrieben hat:
Zitat von: Alfons Renz in August 11, 2026, 09:41:35 VORMITTAGNicht ohne darauf hinzuweisen, dass diese Zuordnung - was ist nützlich oder schädlich, und für wen? - einer Wertung unterliegt, die im Detail hinterfragt werden kann (oder muss...).

Genau in diesen "Details" liegt dann oft der Hase im Pfeffer und macht aus einer eindeutigen Zuordnung in einer der drei Schubladen, wie so oft ein "es kommt darauf an". Oft entscheiden auch die gerade gegebenen Umweltbedingungen darüber ob eine symbyotische Lebensgemeinschaft dem Wirt einen Nutzen oder einen Nachteil bringt.
Das sieht man beispielsweise auch bei Ciliaten die in Varianten mit und ohne Zoochlorellen vorkommen (ein und die selbe Art).
Je nach Nahrungsangebot, Licht und weiteren Umweltfaktoren sind diese mal als grüne und mal als blasse Variante ohne Zoochlorellen besser aufgestellt.

Was das Rädertier im speziellen angeht hat Michael ja schon gesagt, dass es eher so aussieht als ob der Bewuchs, zumindest in der Menge, wie er auf den Bildern zusehen ist, wohl am ehesten eine reine Belastung darstellt.
Das halte ich auch auf den ersten Blick für am wahrscheinlichsten.
Ein Vorteil durch eine örtlich höheren O2 Gehalt gibt es höchstens bei ausreichend Licht.
Bei Dunkelheit verbraucht der aufgewachsene Gemüsezoo dann sogar noch zusätzlich Sauerstoff.
Auch ein Gewinn an Nährstoffen in Form einer direkten Nutzung wie bei endosymbiotischen Zoochlorellen halte ich für unwahrscheinlich.
Aber wer weiß, vielleicht stellt der Aufwuchs ja einen Schutz vor bestimmten Freßfeinden dar, oder es gibt einen anderen Nutzen der sich dem Betrachter nicht gleich erschließt...

Am ehesten erinnert mich dieser Aufwuchs an Colcacium, Korshikoviella setosa ( bzw dessen Zoosporen) oder Chloromonas.
Aber eine verbindliche Bestimmung habe ich da nicht parat.
Schau mal in die verlinkten papers, vielleicht hilft das weiter:

https://www.researchgate.net/figure/Chloromonas-anuraeae-2-Chlorangiopsis-systilis-3-Korshikoviella-setosa-4-Colacium_fig2_233675367

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1046/j.1529-8817.2001.00180.x

Beste Grüße Holger
Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

A. Büschlen

Hallo,

ein Beispiel zu Kommensalismus könnte hier " https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=54556.0 " zu finden sein. Diese Ascomyceten leben als Saprophyten vermutlich von den Ablagerungen auf den Blattoberflächen.

Grüsse Arnold
Schwerpunkt z.Z.:
- Laub- und Lebermoose.
- Ascomyceten als Bryoparasiten.

Michael Plewka

#6
Hallo zusammen, v

Wow, da ist ja einiges an Informationen zusammengekommen...Ich versuche trotzdem mal zu kommentieren.

Vielleicht vor ab noch mal folgende Information: im  ,,Campbell", einem ziemlich bekannten Biologie-Lehrbuch (aus den USA, übersetzt ins Deutsche) für Studenten findet man im Glossar folgendes:
1.,,Symbiose: eine für beide Seiten vorteilhafte ökologische Beziehung zwischen Organismen zweier verschiedene Arten, die in direkten Kontakt zusammenleben."

2.Im "Purves", einem weiteren Lehrbuch, findet sich ähnliches.

3.In mindestens fünf Biologie-Lehrbüchern für die gymnasiale Oberstufe  (Cornelsen, Duden, Klett, Schroedel, Westermann)  finden sich ähnliche Definitionen.

Nun erfahre ich, dass alle diese Aussagen  falsch sind:
ZitatLeider hat sich der Begriff 'Mutualismus' weniger eingeprägt als Symbiose, wobei Letzere heute fälschlicherweise im Deutschen oft als Synonym für Mutualismus verwendet wird.

Als Begründung wird ein Text angeführt, der vor circa 150 Jahren mal von de Bari verfasst worden ist

Diese Vorgehensweise erinnert mich ein wenig an die Kirche im Mittelalter, die steif und fest behauptet hat, die Erde sei der Mittelpunkt der (bekannten) Welt, deshalb drehe sich die Sonne um die Erde und demzufolge seien  die  Aussagen von Galilei falsch.


Ich habe bereits in dem 1. Beitrag  darauf hingewiesen, dass in der wikipedia der  Widerspruch  zwischen der oben zitierten Definition der Symbiose  und anderen Aussagen, z.B. denen von de Bary  thematisiert ist.

Für mich als biologisch interessierten Menschen ist daher die Frage eher  naheligend: welche biologische Gründe haben die o.a. Quellen bewogen, von der damaligen Ausführungen de Barys abzuweichen ?
und weniger die nostalgische Zeitreise in die Vergangenheit der akademischen Welt Tübingens

Leider finde ich  in allen bisherigen Beiträgen in diesem Thread keine biologischen Argumente, die erläutern, warum mindestens 7 Quellen anders lautende Aussagen machen als der Text de Barys.

@ Holger:

Vielen Dank für deine Hilfe bei  der Art Bestimmung und der Hinweis auf entsprechende Literatur..

Allerdings kann man schon in den  hier gezeigten Abbildungen und den weiteren verlinkten, dass diese Epibionten (abgesehen von dem Stigma) farblos sind. Man kann also davon ausgehen, dass sie keine Plastiden haben und somit höchstwahrscheinlich heterotroph sind. Damit fallen die von dir vorgeschlagenen Taxa weg. Es bleibt also zunächst mal bei de Hypothese ,,Spumella"

Wegen der fehlenden Plastden gibt es auch keine Fotosynthese. Insofern fällt auch das Argument mit dem höheren O2-Gehalt weg. Darauf wollte ich eigentlich hinaus: da wir momentan nicht genau wissen, welche Art dieser Epibiont  ist, lässt sich auch die Wechselbeziehung mit dem Wirt nicht genauer charakterisieren

Gefühlt habe ich in meinen bisherigen Planktonproben bestimmt einige zig K Plankton-Rädertiere  (zwar nicht Filinia, aber sehr wohl Keratella, die ja ebenfalls (s.o. link) befallen werden) ohne solche Mitbewohner gesehen, d.h., ein solcher Befall ist nach meiner Beobachtung nicht sehr häufig. Hier noch einmal ein Bild von einem anderen Rädertier, dass gerade von irgendwelchen Organismen von innen aufgefressen wird. 



Ich müsste mich ziemlich umgewöhnen, um diesen Sachverhalt als  Symbiose anzusprechen...

Beste Grüße
Michael Plewka


Peter T.

Zitat von: Michael Plewka in August 12, 2026, 20:15:06 NACHMITTAGSAls Begründung wird ein Text angeführt, der vor circa 150 Jahren mal von de Bari verfasst worden ist

Diese Vorgehensweise erinnert mich ein wenig an die Kirche im Mittelalter, die steif und fest behauptet hat, die Erde sei der Mittelpunkt der (bekannten) Welt, deshalb drehe sich die Sonne um die Erde und demzufolge seien  die  Aussagen von Galilei falsch.



Hallo Michael,

eine insgesamt sehr interessante Diskussion um Begrifflichkeiten, die zu Recht auf dem Prüfstand stehen. Da scheinen sich Gewohnheit und Übernahme von Fachbegriffen in die Alltagssprache mit tatsächlichen inhaltlichen Ungeklärtheiten zu vermischen.
Ich erinnere mich an Diskussionen über Clownsfische in deren Anemonen, die zwischen "echte Symbiose" (also Mutualismus) und Parasitismus schwankten. Ob das mittlerweile ausdiskutiert ist, weiß ich nicht.

Was mich aber stutzig macht, ist Dein Vergleich mit dem Mittelalter. De Bary (so schreibt er sich wohl richtig) hatte doch Recht mit seiner Einteilung, warum vergleichst Du ihn mit den Geozentrikern, die nicht richtig lagen?
Oder habe ich da etwas missverstanden?

Schöne Grüße

Peter

rlu

#8
Hallo,

schon interessant, wie der normale Sprachgebrauch - "Wir leben in Symbiose zusammen" Spielraum läßt, wie dieses Zusammenspiel aussieht und für wen es Nutzen bringt.

"Synergien". Vielleicht muss man das in der gleichen Weise differenzieren wie Symbiose. Berater-Sprech.
Vielleicht doch nicht gleich gut für alle.  ;)  8)


ZitatEr hatte bei der Gründung der ersten Naturwissenschaftlichen Fakultät Deutschlands in Tübingen erfahren, wie wichtig es ist, sich von den utilitaristischen Zielen der Medizin
Ich dachte zuerst, es bedeutet, nur die Mehrheitsmeinung wird akzeptiert. Gemeint ist aber, so glaube ich, das Primat des unmittelbaren, praktischen Heilerfolgs. Nur was direkt angewendet werden kann, ist nützlich und wird gefördert. De Barys Forschung zu Pilzen oder Symbiosen hatte zunächst keinen direkten Nutzen für die Krankenbehandlung, legte aber das Fundament für spätere medizinische Fortschritte.

Liebe Grüße
Rudolf

rlu

#9
Hallo,

es gibt ja noch mehr Unklarheiten
Parasit - Parasitoide


Das Augenmerk wird oft beim Parasiten darauf gelegt, ob er den Wirt schädigt.
Aber eigentlich geht es dem Parasiten darum, nicht gefressen oder vom Wirt rausgeschmissen zu werden,
bevor es sich fortplanzt.

Das ist beim Parasitoid nicht so. Am Ende haben wir einen toten Wirt.
Ist das noch ein Parasit? Schlupfwespe etc. Oder ist es ein Raubparasit?


Liebe Grüße
Rudolf


rlu

#10
Hallo,

eine Idee vom Alfons fasziniert und erschreckt mich immer wieder.

Parasit und Wirt befinden sich in einer Symbiose zum gegenseitigen Nutzen. Dadurch, dass der Wirt länger und besser an den Parasiten angepasst ist, verhindert das den Einbruch invasiver Arten, die nicht so gut an diesen Parasiten angepasst sind.

Beispiel: Rinder und Zecken in Afrika; Rinderrasse von außen haben es schwer Fuß zu fassen.
Das ist dann meine erweiterte These. Afrika wäre weiß, wenn es nicht die Parasiten und Krankheiten gäbe.
Die Millionen Tote in Afrika sind nicht anderes als die Abwehrlinie gegen eine invasive Art?!
Und es wird noch schlimmer. Impfkampagnen und die Ausrottung von Krankheiten sind dann die Möglichkeit, dass sich invasive Arten Zutritt zu zuvor nicht betretbare Bereiche/Regionen verschaffen.
Dünnes Eis, aber einen Gedanken wert.

Gleichzeitig gibt es hier aber noch andere Ausprägungen. Arten, die invasiv sind und ihre eigenen Parasiten mitbringen(Spanier, Masern, Südamerika). Oder keine Ahnung ob das stimmt, war ein KI - Hinweis. Invasive Arten erhöhen, weil sie ungeschützt sind, die Parasitenlast und belasten damit die heimischen Arten.

Liebe Grüße
Rudolf

rlu

#11
Hallo,

und jetzt weiß ich, was bei der Nachwuchsförderung und kindlichen Erziehung falsch läuft. ;-)
Die Insel. Den Kindern fehlt eine Insel. Und vielleicht ein Vater, der Arzt ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_de_Bary
"Sein Vater unterstützte die früh beginnende Forscherneigung des Sohnes, indem er ihm die heute nicht mehr existente ,,Maininsel" pachtete, damit dieser dort seinem Entdeckungsdrang nachgehen konnte. Bei seinen stundenlangen Kahnfahrten auf dem Main lernte er Pflanzen kennen und untersuchte einzellige Algen mikroskopisch."

Liebe Grüße
Rudolf

Heribert Cypionka

Liebe Diskutanten,

jetzt möchte ich als emeritierter Professor mit Lehrbefugnis für "Mikrobielle Ökologie" auch noch was zum Thema beitragen...

Begriffe sind gut und wichtig.
Sie werden definiert.
Man muss sie lernen und beachten.
Man kann sie in Klausuren abfragen.
Sie haben eine Geschichte.
Ihre Bedeutung kann sich wandeln. Man findet unterschiedliche Definitionen in der Literatur.
Oft wurde ein Begriff nach einer Beobachtung gebildet, nach weiteren Beobachtungen wurde die Bedeutung erweitert.
Sehr oft werden Begriffe anhand neuer Erkennnisse falsch und irreführend, aber weiterhin benutzt.

Hierzu als Beispiel 'Oxidative Phosphorylierung' und 'Photophosphorylierung', findet man immer noch in den Lehrbüchern. Die Begriffe wurden geformt, als man beobachtet hatte, dass (A) im Dunkeln ein Metabolit unter Sauerstoffverbrauch oxidiert und ADP zu ATP phosphoryliert wurde und (B) im Licht unter Sauerstoffbildung ebenfalls ATP gebildet wurde. Heute weiß man längst, dass weder die Oxidation von irgendetwas noch Licht die Phoshorylierung bewirkt. In beiden Fällen gibt es Elektronentransport, aber auch der bewirkt nicht die Phosphorylierung. Sauerstoff spielt auch keine direkte Rolle. Stattdessen geht es um einen elektrochemisches Potential, das Protonen dazu bewegt über eine membrangebundene ATPase zu wandern und dabei ADP zu phoshorylieren.
Der Prozess der Phosphorylierung ist also in beiden Fällen gleich und die Begriffe erschweren nur das Verständnis des grundlegenden Vorgänge des Lebens.

In meiner Vorlesung "Einführung in die Mikrobielle Ökologie" habe ich die Studis gefragt, ob sie zusammen für die Klausur lernen - das könnte man doch als mutualistische Beziehung bezeichnen. Und wenn sie dann nach dem Abschluss um die wenigen Stellen konkurrieren - dann ist es Konkurrenz. Und der Kommilitone in der letzten Reihe ohne Kontakt zu Gruppe - anscheinend kommensalistisch - könnte sich noch in in beide Richtung entwickeln!

Das Leben ist vielfältig, und wird auch von Biologen nicht durchschaut. Hier im Forum gibt es ja die beliebte Frage: Welche Fuktion hat eigentlich diese oder jene morphologische Struktur? Da antworte ich: Welche Funktion hat die menschliche Hand - Klavier spielen, Kinder schlagen, in der Nase bohren...? Aber bei der Fischblase ist die Funktion doch klar oder? Ich bin ganz sicher: nicht vollständig. Man lernt vielleicht 10 Funktionen einer Zellmembran - aber es sich Abertausende. Und bei den "primitiven" Einzellern kann es doch nicht soviele Funktionen geben? Genau falsch! Das sind komplette Organismen mit sehr spezifischen Fähigkeiten, die ihr Leben braucht, die mit der längsten Evolution. Und Evolution heißt: Neue Nischen finden, das sind Funktionen (!), die man noch lange nicht erkennt, auch wenn man das Genom schon komplett analysiert haben sollte...

Kurz und gut: Die Benennung von Wechselbeziehungstypen kann helfen, das analytische Denken zu strukturieren. Man sollte aber bedenken, dass die Organismen die Begriffe nicht kennen und einfach machen, was sie wollen und können, um sich erfolgreich fortzupflanzen. Wer die Fähigkeiten nicht in seinem Genom angelegt hat, wird mit der Zeit verschwinden...

Ende der VL für heute ;)

Heribert

Alfons Renz

Lieber Heribert, liebe Umdenker,

Begriffe sollen helfen, 'das analytische Denken zu strukturieren', sagst Du sehr treffend.

Wer etwas Neues entdeckt / beschreibt, bemüht sich deshalb (er oder seine Zeitgenossen), diese neue Entdeckung mit einem neuen Namen/Begriff zu verbinden. Auch wenn sich dessen Herleitung manchmal als zweifelhaft oder gar unsinning erweist, der Begriff selbst erweist sich doch als recht beständig.  Die 'Indianer' in 'Amerika' waren z.B. noch nie in Indien und 'Amerika' gabs auch schon lange bevor Kolumbus 'Westindien' entdeckte und der Kartograph Waldseemüller es nach Amerigo Vespucci benannte.

Ähnlich ist es mit dem 'Zusammenleben von Organismen', das Anton de Bary seinerzeit zu analysieren versuchte und hierfür den Überbegriff 'Symbiose' prägte. Wer heute diesen Begriff als Wissenschaftler verwendet, im Deutschen oder Angelsächsischen, muss auf dessen Ursprung und die ursprüngliche Definition eingehen. Offenbar sind die 'Amerikaner' dabei näher an der ursprünglichen Definition geblieben.

Das erfordert kein Umdenken, mehr ein Nachdenken.

Denn beim 'Nachdenken' erschließt sich auch der 'geniale' Gedanke de Barys: Es gibt ganz verschiedene Arten des Zusammenleben, denen er eigene Namen/Begriffe zuordnete.

Glücklicherweise ist unsere Sprache im Stande, diese differenzierte Einordnung zu vermitteln, nämlich durch die Einführung eines Adjektivs - so viel Mühe könnte/sollte man sich schon machen:

- mutualistische Symbiose
- kommensalistische Symbiose
- parasitische Symbiose.


Letztere hat sich umgangssprachlich als Parasitsmus und die mutualistische Symbiose als 'Symbiose' schlechthin etabliert. So  weit, so gut. Man schätzt im 'Laborjargon' Vereinfachungen und verkürzte Begriffe. Auch ich, zugegebenermaßen.

Heribert auch auch darauf hingewiesen, dass die Organismen 'einfach machen, was sie wollen und können, um sich erfolgreich fortzupflanzen'. Also müsste auch die parasitische Symbiose einen positiven Betrag im struggle for existence liefern, denn die parasitische Lebensform ist bekanntlich wohl die Erfolgreichste überhaupt! Wir müssen nur herausfinden, wodurch und in welcher Weise sie auch ihren Wirten nützt. Rudolf hat dazu einige Ideen geäussert.

Rudolf hat in diesem Sinne auch darauf hingewiesen, dass die Beschreibung eines Organismus mit dem landläufig als abwürdigend empfundenen - und gemeinten - Begriff 'Parasit' ("Schmarotzer") einer zutiefts anthropozentrischen Sicht entstammt. Eine biologische oder ökologische Betrachtung mag zu anderen Schlüssen kommen.

@ Rudolf: Deine Frage/Bemerkung Frage zu den utilitaristischen Zielen der Medizin zu Zeiten der Fakultätsgründung in Tübingen betrifft eine auch heute noch hochrelevante Frage: Weshalb brauchen wir eine Wissenschaft und welchen Zielen dient sie? Die Antworten von evangelikalen Christen, fundamentalistischen Islamisten und vielen Anderen Gruppierungen sind bekantlich sehr konträr, eher wissenschaftsfeindlich.

Zu Zeiten de Barys gab es noch keine eigenständige Naturwissenschaft, also keine Biologie, Zoologie, Mineralogie, Physik etc. Die Einen unterstanden der Theologie (Physik und Mathematik) und sollten die ehernen Gesetze Gottes verkünden. Die Anderen, Botanik, Mineralogie, Anatomie etc. sollten  als Teil der medizinischen Fakultät den Ärzten bei der Behandlung der Kranken assistieren.

Klar, dass in einer solchen Akademie Objekte wie die Rädertierchen nicht als erforschungwürdig erachtet worden wären!

n.b.: Auch Charles Darwin war nie Professor an irgendeiner Universität, hatte keine Lehrbefugnis. Er war Privatgelehrter!

Deshalb sollten wir Biologen dem Botaniker Hugo von Mohl auch heute noch dafür dankbar sein, dass er als Erster an einer deutschsprachigen Universität - und gegen erheblichen Widerstand! - die Naturwissenschaften aus dem 'Joch der Theologie und Medizin' befreit hat. Endlich konnte man sich auch an der Universität den grundlegenden Fragen der Evolution, Ökologie und vergleichenden Morphologie, der Diversität der Lebensformen unvoreingenommen und mit eigenen Methoden widmen. - Freiheit für Forschung und Lehre!

Das war damals in der Tat ein 'Umdenken', von dem wir noch heute profitieren. Und uns deshalb ruhig auch an die Väter dieser Entwicklung erinnern sollten!

Der kuriose Verweis "an die Kirche im Mittelalter, die steif und fest behauptet hat, die Erde sei der Mittelpunkt der (bekannten) Welt, deshalb drehe sich die Sonne um die Erde und demzufolge seien  die  Aussagen von Galilei falsch." ist hier völlig unpassend und bedarf keines weiteren Kommentars.

Symbiontische Grüße,

Alfons