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Ein paar Sonnentierchen

Begonnen von Eckhard, August 03, 2015, 00:34:47 VORMITTAG

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Eckhard

Liebes Forum,

Sonnentierchen gehören zu den Lebewesen, die sicherlich jeder Mikroskopiker, der ab und zu mal einen Wassertropfen unter dem Mikroskop hat, kennt. Die Sonnentierchen bilden keine genetisch zusammenhängende Familie, sondern haben sich in unterschiedlichen Gruppen der Protozoen entwickelt.

Für das Elektronenmikroskop besonders interessant ist die genetisch zusammenhängende Familie der Centroheliden, denn sie haben Schuppen und Nadeln aus Silikatverbindungen, deren Form die einzelnen Gattungen definiert. Dieses ist auch die artenreichste Gruppe der Sonnentierchen mit etwas 60 beschriebenen Arten. Nachfolgend möchte ich einen Einblick in den Formenreichtum der Schuppen und Nadeln der Centroheliden geben.


Polyplacocystis ambigua

Das Bild oben zeigt die typische Form der Centroheliden im Lichtmikroskop. In der Mitte des kugeligen Lebewesens ist das sogenannte Centrosom, von dem die Axopodien ausgehen. Auf den Axopidien sind kleine Kügelchen (Kinetocysten) zu sehen. Diese Kügelchen enthalten ein Protein, dass unvorsichtige kleine Lebewesen, die mit ihnen in Kontakt treten, lähmt. Die Axopodien können "eingefahren" werden, so das die gelähmte Beute zum Zentralkörper gelangt und dort verdaut werden kann. Leider bleiben die Axopodien bei der Präparation für das Elektronenmikroskop nicht erhalten. Der Zellkern wiederum ist exzentrisch und auf diesem Bild nicht richtig zu erkennen. Der Körper des Sonnentierchens ist mit Schuppen bedeckt, deren Struktur lichtmikroskopisch nicht immer erkennbar ist.

Viele Centroheliden haben zwei Arten von Schuppen: Schild-Schuppen (plate scales) und Nadel-Schuppen (spine scales). Manchmal gibt es zwei Arten der Nadel-Schuppen oder auch zwei Arten der Schild-Schuppen, jeweils grosse und kleine.



Choanocystis aculeata

Bei diesem Sonnentierchen kann man die beiden Schuppenarten gut erkennen. Die Nadelschuppen gehen von einer Bodenplatte aus. Leider sind auf den Schuppen auf dieser Aufnahme viele Bakterien.


Choanocystis sp.

Hier ist eine Fressgemeinschaft zu sehen - ohne Bakterien. Leider kann ich die Art nicht genau bestimmen. Viele Beschreibungen der Centroheliden basieren auf getrockneten Schuppen und sind nicht so präzise, wie es wünschenswert wäre.




Pterocystis sp.

Bei manchen Centroheliden erinnert die Form der Nadel-Schuppen an einen Schornstein.




Pseudoraphidocystis flabellata

Hier sind die Nadel-Schuppen wie ein Pilz geformt. Auf dem Boden links und oben erkennt man die kleinen Schild-Schuppen.




Pseudoraphidiophrys formosa

Hier sind die Nadel-Schuppen wie ein Teller geformt.



Manche Gattungen haben ihre Silikat-Schuppen im Laufe der Evolution verloren. Manchmal wurden diese durch organische Nadeln ersetzt. Das Sonnentierchen sieht dann aus wie ein haariger Ball :D


Marophrys marina


Die hier gezeigten Bilder sind das Ergebnis der Arbeit von Steffen Clauß und mir. Mehr Bilder der Centroheliden, Beschreibungen der Gattungen und eine aktuelle Taxonomie sind auf unserer Webseite unter http://penard.de/Heliozoa/ zu finden. Durch Klicken auf die Vorschaubilder kommt man auf die Galerien. Über Feedback würden wir uns freuen.

Viel Vergnügen.

Herzliche Grüsse
Eckhard
Zeiss Axioscope.A1 (HF, DF, DIK, Ph, Pol, Epifluoreszenz)
Nikon SE2000U (HF, DIK, Ph)
Olympus SZX 12 (HF, DF, Pol)
Zeiss Sigma (ETSE, InLens SE)

www.wunderkanone.de
www.penard.de
www.flickr.com/wunderkanone

A. Büschlen

Hallo Eckhard und Steffen,

diese eindrücklichen Bilder zeigen eine mir verborgene und unbekannte Welt. Danke, dass ihr uns daran teilhaben lässt.-
Einmal mehr kommt mir die Frage: wie haben es die Entdecker dieser Arten geschafft, am Lichtmikroskop und ohne DIC diese feinen Strukturen zu erkennen?

Gruss Arnold
Schwerpunkt z.Z.:
- Laub- und Lebermoose.
- Ascomyceten als Bryoparasiten.

olaf.med

Lie3ber Eckhard und Steffen,

WUNDERSCHÖN, da kann man sich kaum sattsehen!

Herzlichen Dank,

Olaf
Gerne per Du!

Vorstellung: http://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=4757.0

... und hier der Link zu meinen Beschreibungen historischer mineralogischer Apparaturen:
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=34049.0

wejo

Hallo Eckhard und Steffen,

auch ich als Neuling hier bin tief beeindruckt von diesen Bildern! Ich möchte mich für diese wahnsinnig interessanten Einblicke in die Natur bei Euch bedanken!

Herzliche Grüße

Werner

l'œil armé

Guten Abend Eckhard & Steffen,

eure Trocknungen sind das Beste, was ich auf diesem Gebiet bislang zu Gesicht bekommen habe! Großes Kompliment!

Freundliche Grüße

Wolfgang
"Du" fänd' ich absolut in Ordnung

das schönste: Zeiss Lumipan
das liebste: Leitz Ortholux/Panphot
das beste: Zeiss Axiomat

Ich bin übrigens keineswegs mit meinem Umfang an Intelligenz zufrieden; ich bin lediglich froh, mit meiner Dummheit so weit gekommen zu sein.

Eckhard

Hallo Wolfgang,

dies sind fixierte Zellen, keine Trockenpräparate. Fixierung, Entwässerung, kritische Punkt Trocknung und mit Platin besputtert.

Danke für die Komplimente.

Herzliche Grüße
Eckhard
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l'œil armé

Guten Tag Eckhard,

das ist mir schon klar, aber die Kritisch-Punkt-Trocknung ist ja auch eine Trocknung. Dabei und bei der vorausgegangenen Entwässerung kann, das weiß ich aus eigener Erfahrung, durchaus noch eine Menge schief gehen. Einfachstes Beispiel sind eingefallenene Komplexaugen bei Insekten - und da muss man sich wegen der viel größeren mechanischen Stabilität des Chitins gegenüber Euren Präparaten schon ziemlich anstrengen um Trocknungsartefakte zu erzeugen. Trotzdem gelingt das immer wieder.

Freundliche Grüße

Wolfgang
"Du" fänd' ich absolut in Ordnung

das schönste: Zeiss Lumipan
das liebste: Leitz Ortholux/Panphot
das beste: Zeiss Axiomat

Ich bin übrigens keineswegs mit meinem Umfang an Intelligenz zufrieden; ich bin lediglich froh, mit meiner Dummheit so weit gekommen zu sein.

rhamvossen

Hallo Eckhard,

Die Bilder von Choanocystis finde ich sehr inspirierend. Das sieht so aus als wurde die Organismen zusammengesetzt aus Metallteilen. Mmmm, vielleicht haben die Anhänger von "Intelligent Design" ein Argument ;). Beste Grüsse,

Rolf

Heiko

Hallo Eckhard,

faszinierende Fotos – ebenso die Technik dafür.

Die Platin-Besputterung hat das Ziel, möglichst viele Details zu erhalten (vermute ich).
Weshalb funktioniert das mit Platin (und Chrom) besser als beispielsweise mit Gold?

Viele Grüße,
Heiko


Eckhard

Hallo Heiko,

Gold ist grober und kann nicht sinnvoll bei sehr hohen Vergrößerungen benutzt werden. Chrom ist wohl am besten, oxidiert aber sofort. Platin geht bis 300.000x recht gut.

Herzliche Grüße
Eckhard
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Heiko

Danke, Eckhard.

Ist eine Antwort auf die Frage nach dem Warum möglich?
Ich nehme an, angestrebt ist eine Schichtbildung, wie sie hier http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/fu-berlin/2002/14/grundlagen.pdf in Abbildung 2, erste Modellskizze, dargestellt ist.
Sind es in der Regel Erfahrungswerte, welches Metall substratspezifisch die beste Eignung für homogenes Schichtwachstum aufweist?

Viele Grüße,
Heiko

Eckhard

Hallo Heiko,

Ich kann Dir das nicht beantworten. Vielleicht weiß Wilfried als Physiker darüber mehr.

Herzliche Grüße
Eckhard
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reblaus

Hallo Wolfgang & Eckhard -

aus meiner längstverschütteten Vergangenheit als Pilzforscher kann ich mich auch noch erinnern, dass die critical point Trocknung miserable Ergebnisse zeitigte im Vergleich zur Schockfrostung (Stickstoff mit Isopropanolschlicker als Kälteleiter) - auch da spielte anscheinend ein ordentlicher Chitingehalt der Zellwände eine Rolle.

Aber bei den Schleimbeuteln (#tschuldigung: Protisten) gelten halt andere Rezepte! Fantastische Aufnahmen!

Viele Grüße

Rolf

Heiko

Danke Eckhard - mal sehn, ob "die Physik" sich noch meldet ...

Gruß, Heiko

Rawfoto

Guten Morgen Wolfgang & Eckhard

Unglaublich was hinter so einem Sonnentierchen steckt - danke für diesen Einblick ...

Begeisterte Grüße

Gerhard
Gerhard
http://www.naturfoto-zimmert.at

Rückmeldung sind willkommen, ich bin jederzeit an Weiterentwicklung interessiert, Vorschläge zur Verbesserungen und Varianten meiner eingestellten Bilder sind daher keinerlei Problem für mich ...