Hexarthra mira - Muskulatur und Fluchtbewegung

Begonnen von anne, Juli 19, 2025, 08:14:24 VORMITTAG

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anne

Hallo zusammen,
ich habe bei meinem letzten Ausflug zum ersten Mal das sehr komplexe Rädertier Hexarthra mira gefunden, was für ein Muskelpaket und praktisch nicht in einem Bild darzustellen.
Ich musste ihm auch viel Platz lassen unterm Deckglas.
lG
Anne

Goldfuss

Excellent photographs, as always!
YouTube channel: microBizkaia

Peter T.

Hallo Anne,

eine echt monströse Schöpfung. Die Bilder sind wie immer mega, herrlich lebendig.
Liebe Grüße
Peter

Siegfried

#3
Hallo Anne,
ein außergewöhnlicher und wie ich meine, seltener Fund. Danke für die sehr schönen Dokufotos.  8)  ::)
    lg von Sigi

JaRo

Hallo Anne,
das ist schon ein tolles "Vieh". ;D
Erinnert mich an Nauplius-Larven mit der quergestreiften Muskulatur. Spannend sowas in der Größe in Rädertieren zu sehen.
Und wirklich schöne DIC-Bilder!
Viele Grüße
Jan

anne

Danke für die Rückmeldungen von allen!
Ich hatte Michael Plewka per PN angeschrieben, eine Frage die mich umtreibt hier nun an alle:

Ich frage mich, warum ich diese Spezies noch nie vorher gesehen habe? Sind sie sehr spezialisiert? Selten? Nur zu bestimmten Jahreszeiten? Sie sind dick mit Eiern bepackt.

Kann jemand was dazu sagen?
lG
anne

Kurt

Hallo Anne,

in meinen bevorzugten Habitaten kommt dieses auffällige Rädertierchen auch sehr selten vor. Das Bild (der Fund) ist von August 2023, seit dem habe ich es nicht wieder gesehen. Ich glaube auch nicht, das es andere Tümpler regelmäßig in jeder Probe haben.
Hier ein Bild von meinem Fund - viel Spaß beim Anschauen.

Grüße
Kurt
 

anne

#7
Lieber Kurt,
ja ich hatte Deine Bilder gesehen.
Meine Probe ist aus einem großen Folienteich der schon recht ausgetrocknet ist. Es waren sehr viele Hexarthra zu finden, oft auch dick mit Eiern bepackt. Daneben noch mindestens 4 weitere Rädertierarten in großen Mengen. Das alles zusammen mit einer Blüte von Dinobryon.
Ein wahrlich imponierendes Rädertier, mit seinen dicken Muskelsträngen, die es auch zum Hüpfen braucht.

lG
anne

Spectrum

#8
Hallo Anne, hallo Kurt,
Ein interessanter Fund und von euch beiden sehr schön in Szene gesetzt.
Die mächtigen Muskelstränge leuchten bestimmt auch wunderschön im Durchlicht Pol.
Was ich mich, neben der schon gestellten Frage nach den Lebensraumansprüchen ebenfalls frage, ist welche evolutionäre Vorteile es hat, so große "Sprünge" machen zu können....
Diese Muskelpakete sind ja eine große "Investition" an Biomasse und Energie...
Grüße Holger

*Nachtrag: Hexarthra mira scheint alkalines Wasser zu bevorzugen. Weitere wichtige Standortfaktoren scheinen neben der Wasserchemie (hier v.a. ph und Salinität) die Frequenz und der Zeitpunkt des Austrocknens und Fressfeinde/Nahrungskonkurrenz zu sein.
Hexarthra kann wohl auch sehr großen Fressfeinden wie Glaskrebschen und Fischbrut entkommen. Deshalb der Turboantrieb.

https://www.researchgate.net/publication/226136630_The_development_of_Hexarthra_spp_in_a_shallow_alkaline_lake
Holger
Duzen und meine Bilder (auch ungefragt)  bearbeiten, mit eigenen Aufnahmen ergänzen und weitergeben erwünscht!

Michael Plewka

Hallo zusammen,

ich hatte Anne vorgeschlagen, ihre Fragen im Forum zu posten, weil ich der Meinung bin, dass dieses Forum die wunderbare Chance bietet, neben dem Zeigen von Mikrofotos (im Sinne  von ,,Flickr für Mikrofotografen"), das Wissen um die Biologie und damit die ökologischen Ansprüche von mikroskopischen Organismen durch die Vielzahl der  Beobachtungen und Dokumentation auch  ihrer Lebensräume zu erweitern.

Gerade für mikroskopische Lebewesen ist da relativ wenig bekannt, ganz einfach deshalb, weil es
1. wenige Menschen gibt, die die Gelegenheit haben, ein Mikroskop zu benutzen (das ist schon ein Privileg!!!)
und
2. weil es bis zur Erfindung des Internets kaum die Möglichkeit gegeben hat, dass sich mikroskopierende Menschen schnell und einfach miteinander austauschen konnten.


Man könnte sich also mal die Frage stellen, wie viele Menschen auf der ganzen Welt haben beispielsweise jemals die Art / Gattung Hexarthra, um die es hier geht, überhaupt (im Mikroskop)  gesehen?
Wie viele Menschen auf der ganzen Welt haben  diese Beobachtung  anderen mikroskopierenden Menschen mitteilen können?

Wenn man vergleichbare Fragen zu  Wirbeltieren, zum Beispiel Vögeln und dem Vogelzug, stellt, kann man sich unschwer vorstellen, dass dort die Anzahl von beobachtenden Menschen um Größenordnungen und damit das Wissen über diese Arten deutlich höher ist.

Das bedeutet aber auch,  dass die bis jetzt vorliegenden Dokumentationen über Mikroorganismen  auf der Beobachtungsgabe von wenigen Menschen ruhen, wobei -leider- nicht immer von einer qualitativ guten Beschreibung auszugehen ist. Vielfach handelt es sich auch um Einzelfunde/-beobachtungen, von denen man nicht weiß, ob diese repräsentativ sind.

Um unser gemeinsames Wissen über die Bio Diversität der Mikroorganismen zu vergrößern, wäre es also sinnvoll, statt solcher Formulierungen  wie beispielsweise: ,,in einem Teich habe ich .... gefunden", genauer anzugeben, wie dieser Teich beschaffen ist, soll heißen, welche Organismen sonst noch darin zu finden sind.

Ich persönlich habe aus diesem Grunde vor einigen Jahren angefangen,  zu gefundenen Arten auch den Lebensraum, zumindest durch ein paar Handyfotos zu dokumentieren (ist ja mit einem solchen Gerät heutzutage überhaupt kein Problem), so dass diese Information für alle abrufbar ist.

Am Beispiel von Hexarthra:
https://www.plingfactory.de/Science/Atlas/KennkartenTiere/Rotifers/01RotEng/source/Hexarthra%20mira.html

wird dann deutlich, dass die in dem zitierten Paper von Herzig und Koste vermuteten ökologischen Parameter zumindest für meine Funde aus  den letzten 19 Jahren und  deren Fundorte nicht zutreffend sind: beispielsweise hat keins der Gewässer, aus denen meine Funde stammen und  die ja sehr unterschiedlich sind,  einen pH≥7

Erwähnenswert ist vielleicht auch, dass mein letzter Fund aus einem beschatteten Waldtümpel (siehe link) vom Anfang Juli eine Massenentwicklung von Hexarthra zeigte, also keinesfalls selten (außerdem  häufig:  Keratella, Filinia, Trichocerca, Polyarthra und Asplanchna, wenige planktische Collotheca (auf letztere war mein eigentlicher Fokus) ); sowie wenige Kleinkrebse (Ruderfuß- und Muschelkrebse). In einer Probe desselben Gewässers vom 18.07. waren dann überhaupt keine Rädertiere zu finden, aber viele Kleinkrebse (nicht näher bestimmt).
Auch diese Populationsentwicklung gibt somit  wieder Rätsel auf.

Noch eine Anmerkung zum Thema: große Sprünge. Stimmt das? Ich habe da so  meine Zweifel. Zwar habe ich (noch) keine Aufnahmen von den Beobachtungen der Viecher in einer Petrischale unter der Stereo-Lupe, aber Zeitlupen-Video Aufnahmen (mit 300fps) von Hexarthra in einem Mikroaquarium mit genügend Freiraum zum Schwimmen zeigen ein anderes Bild: der Sprung eines solchen Tier bewirkt lediglich eine Veränderung der Lage, aber kaum eine Ortsveränderung. Das ist insofern einleuchtend, weil die  sechs Körperanhänge  eine Erhöhung des Reibungswiderstands bewirken und dadurch ein Absinken des Rädertiers verhindern. Ein ,,Erschrecken" von potentiellen Fressfeinden  (??z.B. Asplanchna??) scheint damit aber möglich zu sein. Vermutlich wird  der Fortbestand der Population aber eher durch (Dauer-)Eier  geregelt, wie auch Annes Beobachtungen zeigen.

Beste Grüße
Michael Plewka

anne

Hallo Michael,
danke für Deine Antwort.
Der pH Wert ist in meinem Fundort auch kleiner pH 7. Ich habe auch viele  Keratella, Filinia,  Polyarthra und Asplanchna drin und eine sehr große Art die ich noch nicht als Bild gefunden haben, evtl. gehört sie zu Notholca.
Es kann durchaus auch von einem Massenvorkommen gesprochen werden und die Jahreszeit mit Anfang Juli passt ja auch ganz gut. Kleinkrebse hatte ich auch parallel drin. Bilder des Fundortes habe ich, ich bin regelmäßig dort.

Ich hoffe das ergänzt die Informationen zum Bild.
lG
anne

Spectrum

#11
Hallo Michael,
Dem Gesagten möchte ich mich gerne anschließen.
Nie war es einfacher an Informationen zu gelangen, seien sie auch noch so speziell.
Umgekehrt hat auch der ambitionierte Mikroskopiker durchaus die Möglichkeit mit seinen Beobachtungen sogar einen Beitrag im Bereich der aktuellen Forschung leisten zu können.
Im Bereich der Mikroorganismen vielleicht sogar in besonderen Maßen.
Ok, was die Taxonomie angeht, die hat sicherlich öfters so ihre Tücken. Und da wird in der Forschung heutzutage auch viel mit Gensequenzierung verifiziert, was dem Amateur wohl nicht zur Verfügung steht.
Aber die Beobachtung von Verhalten, Lebensraum, Umweltparametern, Vorkommen (Monat und Fundort) und die Suche nach "seltenen" Arten...
 
...Na da kann man auch als Amateur noch so manchen Blumentopf gewinnen, denke ich.

Echt spannend.

Um nochmal auf die Muskulatur bei Hexarthra/Polyathra zurückzukommen.
Dazu gibt es tatsächlich auch einen wissenschaftlichen Artikel, der sich genau mit der oben gestellten Frage beschäftigt.
Klingt komisch, ist aber so:

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0044523108000193

LG Holger




Holger
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anne

#12
Hallo zusammen,
ich füge nun noch eine Beobachtung bei. ich habe das Rädertier heute schon wieder gefunden. In einem anderen See.
pH kleiner 7, Fischereigewässer, voller Blaualgen und Goldalgen sowie Dinoflagellaten.
Also evtl. einfach der richtige Zeitpunkt?
lG
anne

Michael Plewka

Hallo zusammen,

@ Holger:
danke für den Link; die  verlinkte Quelle ist aber  nur ein Ausschnitt aus der Original Arbeit (wenn du die brauchst, kann ich sie dir schicken), die  ich ganz gut kenne, schließlich basiert  die Beschriftung der Hexarthra-Bilder auf der plingfactory auf dieser Arbeit. Außerdem ist sie ja schon fast 20 Jahre alt; das macht sich insofern bemerkbar, als  eine meines Erachtens eine wichtige Informationen fehlt: nämlich  die technischen Daten derjenigen Kamera, mit der die Videos erstellt wurden. Das kann nicht die Power Shot Kamera gewesen sein, die unter ,,Material und Methoden" genannt wurde. Demzufolge kann man auch nicht sagen, welche zeitliche Auflösung diese Videos haben (das aber nur am Rande)


Ich hab ich habe deshalb hier noch mal ein kleines Video von einigen ,,Sprüngen" von Hexarthra zusammengestellt.




Leider  sind die Aufnahmen (von 2023) nur mit der Panasonic  GH5 mit 180 FPS und unbekannter Belichtungszeit (minimal 1/180 sec, was viel zu lang ist) entstanden. Die Konsequenz daraus ist, dass Details der  eigentlichen Sprungbewegung zeitlich nicht sinnvoll aufgelöst sind.


Dennoch: Analysiert man diese Sequenzen, stellt man fest, dass eine solche Sprungbewegung in circa 10 Bildern  durchgeführt wird, was somit ca 50 ms entspricht. Das ist schneller als ein Wimpernschlag bei Menschen. Das Video  zeigt  auch, dass die zurückgelegte Wegstrecke maximal einer Körperlänge entspricht. (Wieder übertragen auf den Menschen würde man mit einer solchen Sprungweite sicherlich keine Goldmedaille gewinnen).  Alles eine Folge der Viskosität des Wassers und der niedrigen Reynolds-Zahl.
Es kann sich also lediglich um eine Abwehrreaktion gegenüber einem potentiellen  Predator handeln, wobei ein solcher bei den gezeigten Videosequenzen  gerade gar nicht vorhanden ist. Demzufolge ist die Sprungbewegung ziemlich unspezifisch ausgelöst worden. Möglicherweise hat das Tier das Deckglas berührt (im Mikro Aquarium, Schichtdicke also hoch).



@ Anne, vielen Dank für die weiteren Infos,

auch ich habe gestern noch Hexarthra im Baldeney-See gefunden (in dem Teich mit der Massenentwicklung von Anfang Juli bleiben sie allerdings verschwunden); da sind für das Vorkommen wohl verschiedene Faktoren verantwortlich.

Manchmal wird auch eine Art von einer anderen Art der selben Gattung abgelöst. Das habe ich mal bei der Gattung Ascomorpha erlebt. Im Juni war die Art A. ecaudis vorhanden, die im Juli dann verschwunden war. Dafür war dann  A. ovalis  vorhanden.


Beste Grüße
Michael Plewka







Spectrum

#14
Hallo Michael,
Vorgestern Nacht hab ich mich an meinem Waldsee einmal mit einer improvisierten Lichtfalle (Taschenlampe+Planktonsieb) versucht. Eigentlich wollte ich damit Raubwasserflöhe anlocken. Das hat zwar nicht geklappt, dafür ging mir aber Hexarthra ins Netz. Deinem Rat folgende hab ich diese dann auch in ein Microaquarium gesetzt (besser gesagt in eine sehr kleine Petrischale).
Schichthöhe 2-3mm, kein Deckglas.
Diese Aufnahmen sind dabei entstanden:

Die Bildqualität ist sicher nicht die beste, aber man erkennt das die Sprünge schon weiter als eine Körpelänge weit sind, denke ich.
Beim vorherigen isolieren aus einer Petrischale konnte ich auch noch größere Strecken beobachten. Hier wurde auch zumindest im völlig freien Wasser kaum spontan gesprungen. Nur bei Berührung durch anderes Plankton oder den Petrischalenrand. Auch auf meine Pipette wurde mit springen reagiert und ich hatte Mühe den "Sack Flöhe" einzufangen.
Mit der Zeit meine ich auch beobachtet zu haben das die Sprungkraft abnimmt. Vielleicht der Stress/Ermüdung?
Die Probe stammt übrigens aus dem Plankton im Uferbereich. Wassertiefe ca 50cm. Zuvor hatte ich die Stelle ca 1Std mit Licht angestrahlt. Es waren unzählige Copepoden, Wasserflöhe, Volvox, Asplanchna, und vereinzelt Hexarthra sowie Filinia longiseta longiseta in dieser Probe.
Letztere Art hat auch (sehr lange) Körperanhänge die aktiv bewegt werden könne, Filinia "springt" aber soweit ich das beobachtet habe, nicht. (Dazu hab ich auch Videoaufnahmen, aber dazu mehr in einem anderen Faden)
LG Holger

P.s.: Vielen lieben Dank für das Angebot mir den kompletten Artikel zuzusenden. Aber den hab ich bereits gelesen. Ich hab lediglich nur den öffentlichen Teil verlinkt (Copyright).
Holger
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