Historische Diatomeen-Präparate : Eupodiscus radiatus

Begonnen von Carsten Wieczorrek, Heute um 20:51:46 NACHMITTAGS

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Carsten Wieczorrek

Hallo,
hier ist ein weiters historisches Präparat.

cole_1.jpg
Bild 1: Eupodiscus Objektträger

Der Objektträger entspricht in seiner Größe exakt den heutigen Standardmaßen. Seine Dicke ist 1,4 mm. Die Kanten sind rundherum geschliffen und NICHT rund poliert.

Auf dem Objektträger sind 3 Etiketten. Oben ein stark vergilbtes fast quadratisches Etikett, dass in gedruckter Schrift "PRIZE MEDAL DIATOMACEA PASIS 1867" und in Handschrift "Eupodiscus radiatus" zeigt. Unten ist ein sehr schmales, rechteckiges Etikett mit einem Wort, das ich nicht lesen kann und dem vermutlichen Fundort "Vera Cruz". Unterhalb des kleinen, mit einem schwarzen Lackrand umzogenen Deckglas befindet sich ein kleines, wappenförmiges Etikett mit der gedruckten Aufschrift "Cole Deum" und einer Figur in der Mitte, die einen Hirschkopf darstellt. Interessanter Weise ist dieses Etikett nicht normal gedruckt, es ist deutlich erhaben und erinnert an ein kleines Wachssiegel. Das Algenpräparat wird auf dem Deckglas noch mit einem feinen grünen Ring markiert.

Arthur Charles Cole (ca. 1827–1906) war einer der bedeutendsten britischen professionellen Mikroskopperäparatoren des viktorianischen Zeitalters.

Ursprünglich war Cole Professor für Musik und Organist in Liverpool, bevor er um 1879 nach London zog.
Er wurde weltberühmt für die außergewöhnliche Qualität seiner Präparate. Besonders seine anatomischen und botanischen Schnitte sowie seine Diatomeen-Präparate setzten Maßstäbe.
Auf der Pariser Weltausstellung 1867 gewann er eine Bronzemedaille für seine herausragenden mikroskopischen Präparate.
Er gründete die Firma Arthur C. Cole & Son, in der sein Sohn Martin J. Cole mitarbeitete. Gemeinsam veröffentlichten sie auch Fachliteratur wie die ,,Studies in Microscopical Science".
Seine Slides tragen oft ein rotes Wappen mit einem Hirschkopf und dem Motto ,,Cole Deum" (,,Verehre Gott").

Eingrenzung des Herstellungsjahrs
Der Aufkleber ,,Prize Medal Paris 1867" ist ein Werbehinweis auf diese Auszeichnung und findet sich auf fast allen seinen kommerziellen Präparaten nach diesem Datum. Die meisten Präparate mit diesem spezifischen Medaillen-Etikett stammen aus der Hochphase seiner Produktion zwischen 1867 und etwa 1890.


Was sieht man nun?


Bild 2 zeigt als Übersicht absolut ungeputzt die Gruppe der gelegten Algen mit dem Planachromaten 10 im DIK. Und Bild 3 nochmal in einer anderen Schärfebene: interssanter Weise hat Cole hier zwei Campylodiscus verwendet, um die Gruppe nach oben und unten Abzugrenzen. Diese wurde nicht auf das Deckgläschen gelegt, sondern auf den Objekträger. Daher erscheinen sie in einen völlig anderen Ebene.





cole1_1.jpg
Bild 2: Übersicht der Gruppe


cole1_2.jpg
Bild 3: Schärfebene auf der Campylodiscus


Bitt etwas warten, hier kommt noch etwas.

Grüße
Carsten
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako

Carsten Wieczorrek

Eupodiscus Nachtrag.

Hier kommen noch zwei Aufnahem mit den Planachromaten 40/0,65 und 100/1,25.


cole1_3.jpg
Bild 4: 40/0,65


cole1_4.jpg
Bild 5: 100/1,25

In dieser Algengruppe befinden sich sowohl Exemplare mit 4 Ocellen sowie mit 2 Ocellen. Zum Abschluss zeige ich noch die Antwort meines KI-Experimentes, so wie es Bild 5 ausgewertet hat.

Grüße
Carsten


Bestimmungsanalyse für Mikroskopie-Forum

Bestimmung: Eupodiscus sp. (Seltene 2-Ocellen-Variante)
(Größenangabe: 500 µm)

1. Strukturanalyse:
Symmetrie: Radiärsymmetrische Grundform (zentrisch) mit exakt kreisförmigem Schalenbau.
Rippenstrukturen & Zentrum: Es gibt kein abgesetztes oder hyalines Zentrum und keine Rippen. Das diagnostisch entscheidende Merkmal sind die zwei klar erkennbaren Ocellen (augenähnliche, strukturlose Porenfelder) nahe dem Schalenrand (auf ca. 12 Uhr und 7 Uhr). Sie stehen sich beinahe diametral gegenüber.

Areolenmuster: Die gesamte Schale ist homogen und lückenlos mit einem dichten, groben wabenförmigen (hexagonalen) Areolennetz bedeckt, das sich ungebrochen bis über das Zentrum erstreckt.

2. Am besten passende Taxa:
Eupodiscus argus (oder E. radiatus) – Form mit 2 Ocellen – 80 % (Das durchgehende, grobe hexagonale Wabenmuster ohne hyalines Zentrum ist klassisch für Eupodiscus. Obwohl 3 bis 4 Ocellen die Regel sind, treten in Populationen immer wieder seltene morphologische Varianten mit nur 2 Ocellen auf).

Pseudauliscus sp. – 15 % (Diese Gattung besitzt standardmäßig zwei Ocellen und kann teilweise flächig areoliert sein. Meist ist das Zentrum jedoch anders strukturiert oder von einer Pseudoraphe/Rippen unterbrochen).

Auliscus sp. – 5 % (Die absolute Standard-Gattung für exakt zwei Ocellen. Wird hier aber trotz der zwei Ocellen beinahe ausgeschlossen, da typische Auliscus-Arten fast immer ein markantes glattes Zentrum ("Fliege") oder gewundene Rippen aufweisen, was hier komplett fehlt).

3. Fazit:
Das sind eindeutig zwei marginale Ocellen. Da das durchgehende, makellose Wabennetz quer über die Schalenmitte die typische 2-Ocellen-Gattung Auliscus anatomisch ausschließt, handelt es sich hier mit größter Wahrscheinlichkeit um eine seltene morphologische Anomalie von Eupodiscus (z. B. Eupodiscus argus), bei der nur zwei statt der üblichen drei oder vier Augenflecke ausgebildet wurden.
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako