Autor Thema: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor  (Gelesen 22106 mal)

Florian Stellmacher

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Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« am: Juli 25, 2011, 20:15:42 Nachmittag »
Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor....

       ... und möchten gerne mehr darüber wissen!


Liebe Freunde historischer Mikroskope,

das ZEISS OPTON W-Stativ stellt tatsächlich einen Meilenstein dar, steht es doch für den Neuanfang der Zeiss-Mikroskopproduktion in Westdeutschland. Die am 30.10.1946 gegründete Opton optische Werke Oberkochen GmbH begann 1949 mit der Produktion von Mikroskopen, die - im Gegensatz zu Carl Zeiss Jena, die die alte Produktpalette (L-Stativ) zunächst weiter baute - eine komplette Neukonstruktion darstellten. Bauersfeld und Kinder entwickelten das OPTON W-Stativ, das als modular aufgebautes Arbeits- und Forschungsmikroskop für verschiedenste Einsatzbereiche konzipiert wurde. Eine Besonderheit dürfte der OPTOVAR darstellen, der neben einem Vergrößerungwechsler auch ein Hilfsmikroskop zur Zentrierung der Phasenringe enthielt (Gerlach: Geschichte der Mikroskopie, S. 897). Dieses Bauteil wurde auch später in die CZG Universal- und Photomikroskope bis hin zum Axioplan eingebaut. Bis wann das W-Stativ gefertigt wurde, weiß ich leider nicht. Ich besitze eine Broschüre aus dem Jahre 1954, es dürfte jedoch noch länger auf dem Markt gewesen sein. Wirklich große Stückzahlen hat es allerdings wohl nicht erreicht.

Das W-Stativ ist, obgleich eigentlich relativ zierlich in den Abmessungen, sehr schwer und sehr exakt gearbeitet, mein Mikroskop arbeitet auch nach Jahrzehnten weitgehend spielfrei. Das Design, die Handhabung, ja sogar die Gravur der Objektive wirken auf mich immer wieder exotisch: nicht wie CZJ und nicht wie CZG, auch nicht irgendwo dazwischen sondern wie von einer ganz anderen Firma! Ein Beispiel: Die Objektivgravuren sind beim 40er am unteren Ende des Stahlmantels angebracht, der Präparateschutz federt dabei nicht etwa innerhalb des Mantels, sondern es federt das gesamte untere Ende wie eine Kappe über den Mantel; das 40er Achromat hat nicht etwa eine N.A. von 0,65 sondern 0,63!

Hier einige Fotos:

Titelblatt der technischen Beschreibung


Das OPTON W in verschiedenen Perspektiven








Objektivgravuren





Was heißt "Versuch Nr 121" ?



Der OPTOVAR

Unten liegt der Vergrößerungswechsler, oben die fokussierbare Bertrandlinse.

Der originale Transformator - schon damals von METZ!



Der Trafo war sehr schwer aufzutreiben, noch schwerer war es, ein passendes Kabel zu bekommen (nochmal DANKE Thomas!)

Zum Schluss ein Foto mit Symbolcharakter: Hinten links das CZJ LUMIPAN, ein Modell, das bereits in der Preisliste von 1939 geführt wurde, dieses Mikroskop stammt jedoch bereits aus der DDR-Produktion; hinten rechts das CZG Standard GF (nicht GFL!) als das Urmodell der Standard-Reihe, dem Nachfolger des W-Stativs.


Vielleicht weiß ja der Eine oder Andere mehr über das W-Stativ und seine interessante Geschichte zu berichten? Ich würde mich freuen!

Herzliche Grüße,
Florian

« Letzte Änderung: Juli 27, 2011, 21:18:50 Nachmittag von Florian Stellmacher »
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David 15

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #1 am: Juli 25, 2011, 20:30:33 Nachmittag »
Hallo,

Ein sehr schöner Bericht ! Das ist wirklich sehr interessnt. Du hast nicht zufällig eine Freundin namens Jana oder ?  ;D

Zitat
im Gegensatz zu Carl Zeiss Jana

Viele Grüße
David
« Letzte Änderung: Juli 25, 2011, 21:00:57 Nachmittag von David 15 »
''Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.'' ( Albert Schweitzer)

Vorstellung: ''Hier''

Florian Stellmacher

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #2 am: Juli 25, 2011, 20:45:34 Nachmittag »
Hallo David,

nee, meine Frau heißt nicht Jana - hab's schon korrigiert, danke!

Viele Grüße,
Florian
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Klaus Herrmann

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #3 am: Juli 25, 2011, 21:29:47 Nachmittag »
Lieber Florian,

alle Museen der Welt haben das selbe Problem: Platzmangel. In den Archiven lagern etwa 80% des Bestandes. Deshalb macht man immer wechselnde Themenausstellungen.

Den Tisch kenn ich doch?  ;)

Versuch Nr xxx bedeutet bei CZ, dass das ein Testbau aus dem Entwicklungslabor ist.

 Immer ein Unikat und manchmal eine Superqualität, die aber für die Serienfertigung zu teuer war. Ich hatte mal so eines: ein Planachromat 10 "5-Linser" Nr xxx. Habe ich leider verkauft. Manchmal auch nicht so gut, wie die Serie.

Auf jeden Fall aber was Besonderes!
Mit herzlichen Mikrogrüßen

 Klaus


ich ziehe das freundschaftliche "Du" vor! ∞ λ ¼


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hinrich husemann

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #4 am: Juli 26, 2011, 00:36:46 Vormittag »
Hallo Herr Stellmacher,
wirklich sehr interessanter Bericht! Die Historie der früheren 50-iger hat - jedenfalls für mich - immer einen ganz besonderen Reiz.
Freundliche Mikrogrüsse
H. Husemann
« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 00:42:29 Vormittag von hinrich husemann »

Peter V.

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #5 am: Juli 26, 2011, 08:22:12 Vormittag »
Lieber Florian,

ein schöner Bericht. Und ein schönes Mikroskop. Leider habe ich keines  :'( , aber ich kenne es natürlich. Was daran besonders faszinierend ist: Das Gewicht. Das Gerät ist unfassbar schwer! Man sieht ihm das Gewicht nicht ansatzweise an. Warum eigentlich? Ist es massiv, wo andere ( auch grundsoldide Mikroskope wie das GFL ) hohl sind?
Jedenfalls ist es vermutlich das Mikroskop mit dem höchsten "spezifischen Gewicht", das je gebaut wurde.

Herzliche Grüße
Peter
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Jürgen H.

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #6 am: Juli 26, 2011, 11:00:11 Vormittag »
Hallo Florian,

das ist ja eine interessante Lösung, mit der man den Stand der Okulare dem Augenabstand anpassen kann, lustiger Kragen. Es würde mich interessieren, wie das innen gelöst ist... Die schwarzen Zeissmikroskope wecken bei mir immer wieder Jugenderinnerungen. Da stand ich vor einem Optikgeschäft. Am Eingang eine säulenartig gebogene Schaufensterscheibe vor einer Vitrine, in der einige Mikroskope ausgestellt waren. Da führte mein Schulweg dran vorbei. Das Fenster weckte Sehnsüchte, leider damals unerfüllbare, die Zeiten waren nicht so....

Heute gibt es im Optikerladen allenfalls mal ein Eschenbachmikroskop....

Bist gut ausgestattet lieber Florian. Und im Hintergrund zwei schöne Schlittenmikrotome gleicher Baureihe? Brauchst Du wirklich beide? ;-)

Schöne Grüße

Jürgen

Jürgen


Florian Stellmacher

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #7 am: Juli 26, 2011, 11:28:58 Vormittag »
Lieber Jürgen,

der Tubus ist sicherlich eine weitere Besonderheit - irgendwo zwischen Siedentopf und Jentsch. Verzeih, dass ich ihn nicht demontieren möchte, um herauszubekommen, wie es darin aussieht  ;).

Dass im Hintergrund zwei baugleiche Mikrotome stehen, täuscht; vorne steht ein Leitz 1208, dahinter eim neueres Microm, in letzteres passt auch das Universalfutter für Einbettungskassetten, das aufgrund der Bauhöhe nicht ans 1208 passt. Dahinter steht noch ein Leitz 1512 Rotationmikrotom.

Beim Optiker bekommt man heute sicherlich kein ordentliches Mikroskop mehr, ein Ausstellungsstück werden überhaupt die wenigsten haben. Selbst Eschenbach bekommt man heute wohl nicht mehr. In Lübeck gab es früher einmal einen alten Optiker, der tatsächlich die aktuellen Preislisten von Hertel & Reuss besaß und sich mit Mikroskopen sogar einigermaßen auskannte. Heute gibt es weder den Optiker noch Hertel & Reuss mehr. Beim Laborbedarfhandel, bei dem ich als Schuljunge meine Objektträger, Deckgläser usw. kaufte, gabe es einen Pappaufsteller, auf dem für Will-Mikroskope geworben wurde. Davon habe ich mit meinem Neckermann-LOMO damals nur geträumt! Eingebaute Niedervoltbeleuchtung! Binokular! Großer Kreuztisch! Eine phantastische andere Welt...

Herzliche Grüße,
Florian
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Alfons Renz

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #8 am: Juli 26, 2011, 11:32:41 Vormittag »
Lieber Jürgen,


Für einen französischen Kollegen hatte ich mal den Tubus zerlegt und daher das Photo gleich zur Hand:



Der Vorteil gegenüber dem späteren Zeiss-Schiebetubus ist die konstante Tubuslänge, die sich beim Einstellen des Augenabstands nicht verstellt. Konstruktiv nicht leicht zu lösen, da sich der gesamte okularseitige Tubus (links im Bild) um die eigene Achse drehen lassen muss.

Auch der Phasenkontrast-Kondensor dieses Stativs ist ein feinmechanisches Meisterwerk. Mit na 0 1,4 als Standard!

Dieses Mikroskop habe ich für meine Diplomarbeit verwendet. Später tat es treue Dienste in unserem Feldlabor in Afrika und fristet jetzt sein Gnadenbrot in der wissenschaftshistorischen Sammlung.

Herzliche Grüße,

Alfons

rhamvossen

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #9 am: Juli 26, 2011, 14:28:50 Nachmittag »
Hallo,

Wieviel sollte man eigenlicht in Durchschnitt zahlen für das Opton W? Ich habe die Möglichkeit ein Opton W  zu kaufen von einen bekannter von mir, aber die Feintrieb funktioniert nicht ganz richtig, die läuft ein bisschen "hinter". Deswegen habe ich das Mikroskop bisher nicht gekauft. Last sich so etwas an diesem Mikroskop einfach reparieren oder ist das eine Aufgabe für die Profi's? Beste Grüsse,

Rolf

« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 14:31:06 Nachmittag von rhamvossen »

TPL

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #10 am: Juli 26, 2011, 16:23:01 Nachmittag »
Jedenfalls ist es vermutlich das Mikroskop mit dem höchsten "spezifischen Gewicht", das je gebaut wurde.

Lieber Peter, lieber Florian,
auch ich habe Keines; bin aber fasziniert von diesem schönen und technisch interessanten Mikroskop.
Eine kleine Haarspalterei sei mir dennoch erlaubt: zu etwa der gleichen Zeit wie das W-Stativ baute man bei Zeiss in Göttingen bereits das (von Dir, Florian, abgebildete) Zeiss-Winkel STANDARD GF (nicht GFL!). Dieses GF-Stativ ist ebenfalls überraschend schwer und wurde offensichtlich noch materialaufwändiger gefertigt als sein Nachfolger, das Carl Zeiss STANDARD GFL.
Herzliche Grüße, Thomas

PS: Es gibt vom W-Stativ übrigens auch die relativ seltene Bauform W I a mit wechselbarem Revolver. Dort ließ sich wahlweise auch ein Auflicht-Kondensor (gefertigt bei Zeiss-Winkel!) anbringen.

PPS: Die weiter oben gezeigte Titelseite der Broschüre Zomi 04 542 zeigt übrigens ganz nett, wie intensiv bei Zeiss die Firmenembleme der jeweils aktuellen Namensgebung angepasst wurden. Schon die Deutlichkeit des mit Carl Zeiss gravierten Dubletts auf der rechten Seite des Stativs legt eine Retusche nahe. Vergrößert man die Abbildung, erkennt man in den Gravuren der Objektive noch den Namen Zeiss Opton. Solche Retuschen waren in früheren Prospekten gar nicht so selten.
« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 17:18:48 Nachmittag von TPL »

wilfried48

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #11 am: Juli 26, 2011, 16:55:22 Nachmittag »
Hallo,

ich habe auch ein Exemplar von diesem edlen Stück mit Phasenkontrastausrüstung (leider nicht in diesem Superzustand wie das Teil von Florian). Ich suche das originale Leuchtmittel und den Originaltrafo. Als
Verhandlungsmasse hätte ich den Phasenkontrastkondensor und auch den Optovar doppelt.

viele Grüsse
Wilfried
vorzugsweise per Du

Hobbymikroskope:
Zeiss Axiophot,  AL/DL/Ph/DIC/Epi-Fl
Zeiss Axiovert 35, DL/Ph/DIC/Epi-Fl
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Zeiss Stemi 2000 C
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Sammlung ca. 100 Zeiss Mikroskope
https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=107.0

Peter V.

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #12 am: Juli 26, 2011, 18:38:30 Nachmittag »
Hallo,

Wieviel sollte man eigenlicht in Durchschnitt zahlen für das Opton W? Ich habe die Möglichkeit ein Opton W  zu kaufen von einen bekannter von mir, aber die Feintrieb funktioniert nicht ganz richtig, die läuft ein bisschen "hinter". Deswegen habe ich das Mikroskop bisher nicht gekauft. Last sich so etwas an diesem Mikroskop einfach reparieren oder ist das eine Aufgabe für die Profi's? Beste Grüsse,

Rolf



Hallo Rolf,

zur Reparatur eines Triebes kann ich wenig sagen.
Zum Preisniveau: Du weisst - es ist immer soviel wert, wie jemend bereit ist, zu zahlen. Ich kann Dir aber sagen, dass sich der ebay-Preis der letzten W's in guter Ausstattung und gutem Zustand mit Schränkchen zwischen 230 und knapp unter 400  EUR bewegte. Ich habe schon komplette W-Mikroskope mit Optovar und Schränkchen für deutlich unter 300 EUR weggehen sehen. Genauer kann man es nicht sagen.

Herzliche Grüße
Peter
« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 19:49:56 Nachmittag von Peter V. »
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Florian Stellmacher

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #13 am: Juli 26, 2011, 18:56:16 Nachmittag »
Liebe OPTONisten!

Noch ein Gedanke zum Binokulartubus des W-Stativs: ZEISS hatte in allen Modellen bis zur Teilung der Firma den Siedentopf-Tubus in weitgehend gleicher Weise verwendet. Dieser Tubus wurde später auch von LOMO übernommen. Bei der Konstruktion des W-Stativs dürften die Entwickler von dem ausgegangen sein, was sie kannten; die entsprechenden Konstruktionszeichnungen waren allerdings nicht mit nach Heidenheim bzw. Oberkochen genommen worden, sodass das Grundprinzip der konstanten Tubuslänge bei um eine gemeinsame Achse rotierenden Tuben zwar beibehalten wurde, die Konstruktion sich jedoch deutlich vom Original unterschied (man sieht den CZJ-Tubus beim oben abgebildeten LUMIPAN). Beim OPTON W entfiel zudem der obligatorische Tubusfaktor (bei CZJ 1,5x, bei OPTON 1x). Auch das Design, das sicherlich in bestimmter Weise eine "neue Zeit" versinnbildlichen sollte, wird dazu beigetragen haben, dass man sich bei OPTON für diesen originellen Tubus entschieden hat.

Bei der Webung für das OPTON W wurde entsprechend nicht nur auf die technischen Vorzüge eingegangen, es wurde auch die "ansprechende moderne Form" mit angeführt:




Diese heute sicher nicht mehr als modern empfundene Form macht wohl den wesentlichen Reiz des Mikroskops aus! Man muss sich auch vor Augen führen, dass OPTON mit seiner eigenen Vergangenheit, die als CZJ weiter lebte, konkurrieren musste: Man musste beweisen, dass man auf ZEISS-Niveau konstruieren und produzieren konnte (siehe auch Gerlach, Geschichte der Mikroskopie).

Dass ZEISS nach dem Krieg bei den ZEISS/WINKEL bzw. frühen CZG Standards einen Schiebetubus und somit das von LEITZ verfolgte Konstruktionsprinzip von Jentsch aufgenommen hat, stellt für mich das eigentliche Rätsel dar! Erst spät kam CZG zum Siedentopftubus zurück, CZJ hatte dieses Konstruktionsprinzip beibehalten, ja sogar die aktuellen LEICA-Mikroskope haben heute diesen typischen Zeiss-Tubus. Ob Olympus, Nikon, PZO oder sonstwer - die Firmen haben immer wieder munter die Konstruktion des Tubus gewechselt.

Herzliche Grüße,
Florian
« Letzte Änderung: Juli 26, 2011, 22:04:11 Nachmittag von Florian Stellmacher »
Vorwiegende Arbeitsmikroskope:
Zeiss Axioskop 2
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Florian Stellmacher

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Re: Das ZEISS OPTON W - Mikroskopiker stellen ihr Mikroskop vor
« Antwort #14 am: August 08, 2011, 18:10:36 Nachmittag »
Liebe Freunde des Opton W's,

auf den Spuren meines Opton-Mikroskops zurück zum Kriegsende und zur Phase der Neugründung der Firma Zeiss in Westdeutschland habe ich mir einige Bücher gekauft. Eines davon möchte ich dem Kreis der Interessierten ans Herz legen:

Armin Hermann: Nur der Name war geblieben - Die abenteuerliche Geschichte der Firma Carl Zeiss
ISBN 3-421-06515-2, 3. Auflage Februar 1991

Das wohl nur noch antiquarisch zu bekommende Buch des Professors für die Geschichte der Naturwissenschaften Armin Hermann erzäht die überaus spannende Geschichte der Firma Zeiss vom Zusammenbruch der NS-Diktatur bis zur Etablierung der Firma Carl Zeiss/West. Hierzu gehören einerseits die Zwangsumsiedlung von Zeiss-Mitarbeitern nach Süddeutschland ("We take the brain!") durch die zunächst amerikanischen Besatzer Thüringens, die schwierigen Umstände, unter denen die neu gegründete Firma Opton ihre ersten Schritte machte, und das stetige Anwachsen der prosperierenden Firma bis hin zum Weltkonzern, andererseits wird auch die Entwicklung der Firma Carl Zeiss Jena unter der nach vollzogenem Wechsel sowjetischen Besatzungsmacht angesprochen. Man lernt, welche Streitigkeiten der ungleichen Schwestern über Namenrechte bis hin zum Stiftungsstatut geführt wurden, und man bekommt einen Einblick in die internen Strukturen der Firma Zeiss bis zum Ende der 80er Jahre. Hierzu werden Quellen verschiedenster Art herangezogen und entsprechend zitiert, ferner kommen immer wieder Zeiss-Mitarbeiter, die interviewt wurden, selbst zu Wort. Das Buch ist lesbar und spannend geschrieben, daher empfiehlt es sich denjenigen, die etwas tiefer in die Geschichte der Firma Zeiss einsteigen möchten. Ob und in welchem Umfang auch hier ggf. Fakten verdreht wurden, vermag ich jedoch nicht zu beurteilen.

Immer wieder wird auf ein quasi als Konkurrenzwerk dargestelltes Buch abgehoben, das ich mir ebenfalls grekauft aber nicht gelesen habe: Wolfgang Schumann, Autorenkollektiv: Carl Zeiss - Einst und jetzt, Berlin 1962. Die Lektüre der über 900 Seiten ist bereits durch die DDR-Nomenklatur mit "Werktätigen", "Monopolprofit" oder "den sowjetischen Kräften, die den antifaschistischen Kräften im Zeiss-Werk halfen" (möglichweise beim Abtransport der Fertigungsmaschinen, auf die LOMO schon wartete) ein ziemlicher Angang; die Verzerrung der historisch belegbaren Fakten ist hier so weit vorangetrieben worden, dass sie auch z.B. vor der Person Ernst Abbes nicht halt macht, und das, ohne die erfrischende unfreiwillige Satirehaftigkeit zu entwickeln, die mancher DDR-Propaganda und manchem Buch über Carl Zeiss Jena anhaftet. Entsprechen wird das Buch irgendwo zwischen Mühlfiedel und Hermann seinen Platz im Regal finden.

Herzliche Grüße,
Florian
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