Autor Thema: Urotropin und Anverwandte  (Gelesen 1092 mal)

Heiko

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Urotropin und Anverwandte
« am: Januar 24, 2019, 23:38:13 Nachmittag »

Hallo,

momentan bewundere ich das Komplexierungsvermögen des Urotropins.
In Frau Kiels Werk „Anorganisches Grundpraktikum“ beispielsweise wird Magnesiumhexacyanoferrat(III) x Urotropin beschrieben und abgebildet. Die Beschreibung ist treffend, wie ich jetzt weiß, das Foto nicht unbedingt, denn die Kristalle sind unglaublich dünn, vielblättrig und raumfordernd. Erst bei X-Pol und einiger „Fummelei“ entsteht ein räumlicher Eindruck:







Viele Grüße,
Heiko

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #1 am: Januar 26, 2019, 09:40:51 Vormittag »
Hallo,

und weiter mit zwei Urotropin-Species à la KIEL und KEUNE.
Calciumhexacyanoferrat(III) x Urotropin bzw. Hexamethylentetramin-Calcium-hexacyanoferrat(III):







Und Urotropin- bzw. Hexamethylentetramin-Silbernitrat:





Die Fällungen bzw. Kristallisationen verlaufen problemlos, die Spezifität vermag ich nicht zu beurteilen, vermutlich ist sie aber eher gering. Vernünftige Achsenbilder waren nicht zu erhalten.

Viele Grüße,
Heiko

olaf.med

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #2 am: Januar 26, 2019, 10:54:10 Vormittag »
Lieber Heiko,

Du legst so schnell wunderschöne Kristalle verschiedenster Substanzen nach, dass ich garnicht mitkomme. Wie schaffst Du das und behältst dazu noch den Überblick, oder hast Du eine Rotte von "Ameisen", die Dir zuarbeiten?

Herzliche Grüße,

Olaf

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #3 am: Januar 26, 2019, 22:41:58 Nachmittag »
Lieber Olaf,

ich muss mich sputen, die Wintersaison neigt sich, andere Ablenkungen lauern …  8)

Urotropin-Cobalt(II)-thiocyanat zeigt wohlgestaltete Kristalle und ein lupenreines Achsenbild:



Viele Grüße,
Heiko

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #4 am: Januar 28, 2019, 22:15:15 Nachmittag »
Hallo,

es ist noch nicht überstanden – einige Urotropin-Species muss ich noch zeigen.

Zuerst der Urotropin-Molybdat-Komplex. Das Übersichtsbild lässt schon erahnen, dass Verwachsungen vorliegen. Aber auch dem Anscheine nach makellose Exemplare bequemen sich zu keinerlei Achsenmuster.







Noch schlimmer das adrette Bariumhexacyanoferrat(III) x Urotropin, polarisiertes Licht offenbart sofort die Clusterung. Und selbst sehr kleine Kristalle sind schon zusammengesetzt und verweigern das Achsenbild.



Wird fortgesetzt.  ;D

Viele Grüße,
Heiko

olaf.med

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #5 am: Januar 29, 2019, 09:58:38 Vormittag »
Lieber Heiko,

der Urotropin-Molybdat-Komplex sieht doch garnicht so übel aus. Es könnte sich um (pseudo?) tetragonale Bipyramiden handeln, und die liegen morphologisch bedingt nie so, dass Du ein Achsenbild beobachten kannst - Du merkst schon, die Notwendigkeit der Spindeltisch-Untersuchung wird immer dringlicher  ;D.

Das Bariumhexacyanoferrat(III) x Urotropin hingegen ist wild verwachsen trotz schöner Morphologie. Hier liegt sicher eine Phasenumwandlung vor, wobei sich zunächst höhersymmetrische Kristalle gebildet haben, die sich später unter Zwillingsbildung oder irregulärer Verwachsung in eine niedersymmetrische Phase umgewandelt haben. In der Natur sieht man das z.B. beim Mimetesit, der makroskopisch streng hexagonal ist, aber sich unterhalb von ca. 100°C in monoklin verwandelt:



Herzliche Grüße,

Olaf


Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #6 am: Januar 29, 2019, 19:35:46 Nachmittag »


Die Urotropin-Molybdat-Kristalle sind aber schon zackig wie die Briefmarken, lieber Olaf, da fände der „Spindel-Kleber“ wenigstens eine große Ansatzfläche.  8)

Zeigst Du den Mimetesit in zwei verschiedenen Fokus-Ebenen?
Und geht diese Phasenumwandlung bei Formkonstanz ohne besondere Verspannung ab?

Viele Grüße,
Heiko 

olaf.med

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #7 am: Januar 30, 2019, 09:19:18 Vormittag »
Lieber Heiko,

die Zacken bei diesen Kristallen scheinen mir in c-Richtung orientiert zu sein und es könnte sich um eine einfache Parallelverwachsung handeln - ist aber reine Gefühlssache. Im ersten Anlauf würde ich einen Kristall an seinem "Äquator" aufkleben, also senkrecht zur Richtung der Zacken. Aber auch dafür gibt es keine rationale Begründung, eben Gefühlssache.

Beim Mimetesit habe ich nur die Beleuchtung variiert. Im ersten Bild ist die Kondensor-Klapplinse eingeklappt. Wegen der hohen Apertur sieht man die sonst abgeschatteten Kristallflächen sehr gut. Bei ausgeklappter Linse ist die Ausleuchtung homogen, und man sieht die Zwillinge deutlich. Verspannungen gibt es keine, die monokline Metrik ist sehr nahe an der hexagonalen.

Herzliche Grüße,

Olaf

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #8 am: Januar 30, 2019, 17:15:06 Nachmittag »
Danke für Deine Erläuterungen, lieber Olaf.

Mit dem Lithiumhexacyanoferrat(III) x Urotropin wiederholt sich die bipyramidal-verwachsene Geschichte:





Urotropin-Iodid nun bildet sich sofort, schiebt man etwas Urotropin an den Rand des Deckglases, unter dem sich Iod-Lösung befindet. Hübsch, optisch aber „charakterlos“ sind diese Formen:





Nach einiger Zeit fand sich im Lösungsfilm dieser Kristall:





„Wenn du nicht weißt, wieso warum, versuch’s mit Jod-Jod-Kalium.“
Dieser frühe „Placebo-Spruch“ der Mediziner inspiriert: wird ein Zwilling sein?!

Anderntags, da halte ich eine Phasenumwandlung für möglich, gab es mehrere dieser Formen und die Achsenbilder erscheinen weniger chaotisch: 



Olaf, was ist davon zu halten?

Viele Grüße,
Heiko

olaf.med

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #9 am: Januar 30, 2019, 19:58:03 Nachmittag »
Lieber Heiko,

Deine letzten Achsenbilder sinbd garnicht chaotisch, sondern sehr spektakulär. Es handelt sich sicher um Einkristalle, aber solche mit extrem starker Dispersion. Möglicherweise ist der Achsenwinkel sogar so stark dispergiert, dass für die extremen Wellenlängen im sichtbaren Bereich die Achsenebenen gekreuzt sind (ähnlich wie beim Brookit!). Nun solltest Du einen Interferenz-Verlaufsfilter besitzen, dann könntest Du den Gang des Achsenwinkels in Abhängigkeit von der Wellenlänge direkt sehen.

Ich bin jedenfalls begeistert von diesem Befund. Vielleicht wachsen die Dinger ja noch weiter und die Qualität der Erscheinung wird noch besser - ich bin gespannt!

Herzliche Grüße,

Olaf.

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #10 am: Februar 01, 2019, 00:28:21 Vormittag »
Lieber Olaf,

als Referenz stelle ich Deine Aufnahmen voran:



Mit meinen bescheidenen Möglichkeiten vermag ich Brookit so abzubilden:



Auf das Urotropin-Iodid übertragen, stellt sich das dann so dar:



Viele Grüße,
Heiko

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #11 am: Februar 02, 2019, 20:04:11 Nachmittag »
Lieber Olaf,

zwanzig Präparationsversuche später:





Viele Grüße,
Heiko

olaf.med

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #12 am: Februar 06, 2019, 19:14:30 Nachmittag »
Lieber Heiko,

entschuldige bitte die späte Reaktion - ich hatte das einfach übersehen  :-\. Schande auf mein Haupt.

Das Präpatat ist nun toll und perfekt orientiert. Besitzt Du nun einen Interferenz-Verlaufsfilter und kannst tatsächlich den Gang des Achsenwinkels mit der Wellenlänge verfolgen, oder musst Du Dich mit festen Filtern behelfen. Im ersten Fall könntest Du tatsächlich überprüfen, bei welcher Wellenlänge das Zeug einachsig wird. Auch wäre über die Mallard-Konstente, deren einfache Bestimmung ja Florian hier  kürzlich beschrieben hat, die Abhängigkeit von 2E von der Wellenlänge messbar (was ja auch mit festen Filtern möglich ist).

Herzliche Grüße,

Olaf

Heiko

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #13 am: Februar 06, 2019, 22:13:53 Nachmittag »
Lieber Olaf,

herzlichen Dank für Deine Einschätzung.
Ich behelfe mich mit einem 400nm Metall-Interferenz-Filter, mit dessen Wirkung ich hadere, und einem 715nm Filter. Dabei bin ich aber schon sehr froh, die von Dir bestimmte Dispersion im Ansatz nach Deinen Vorlagen darstellen zu können:



Viele Grüße,
Heiko

Florian D.

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Re: Urotropin und Anverwandte
« Antwort #14 am: Februar 06, 2019, 23:07:50 Nachmittag »
Phantastisch!