Historische Diatomeen-Präparate (kleine Detektivarbeit): Asteromphalus Hookerii

Begonnen von Carsten Wieczorrek, April 04, 2026, 20:38:46 NACHMITTAGS

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Carsten Wieczorrek

Hallo,
ich konnte nicht wiederstehen. Nach Angabe des Verkäufers von dem Präparator "W.C.".

Vorab stelle ich hier die Links zu den schon bestehenden Beiträgen ein:

Firth, Asteromphalus Hookerii
Cole, Arachnodiscus Indicus
Barnett, Arachnodiscus Ehrenbergii
Barnett, Actinosphenia splendens
Wheeler, Aulacodiscus Africanus
Ward, Coscinodiscus bulliens
Cole, Eupodiscus radiatus
Watson & Suns LTD, Plancton Diatoms
Watson & Suns, Triceratium var. septangulatum
Gosden, Asteromphalus senectus var. Humboldtii

Dieser Objektträger hat Standardmaße und ist mit 1,4 mm relativ dick. Die Kanten sind geschliffen und poliert. Das verwendte Deckgläschen ist rund und hat gerade mal 7 mm im Durchmesser. Es gibt keinen Lackring, aber die Algen sind mit einem dünnen roten Ring markiert. Auf dem Objektträger befindet sich oben ein fast quadratisches Etikett mit schwarzem Rahmen und der gedrukten Beschriftung "DIATOMACEA". Darunter steht in Handschrift "Asteromphalus Hookerii" und unterhalb eines gedrukten Striches "1/2 in - 76 W.C.". Unter dem Präparat folgt ein rechteckiges Etikett mit schwarzem Rahmen und drei Linien. Darauf steht "Atlantic mud".

Hier kommt Bild 1.


20260404_155818.jpg
Bild 1: der Objektträger

Stellt sich die Frage, wer war "W.C."? Das sollte doch einfach zu finden sein. Tja....

William C., Walker, Utica (New York, USA), 1846, 1919
William Clark, Stevenson Jr., Philadelphia (Pennsylvania, USA), 1848, 1919
William Crawford, Williamson, Manchester (England), 1816, 1895
William, Cash, Halifax (Yorkshire, England), 1843, 1914
William Carmichael, McIntosh, St Andrew (Schottland), 1838, 1931

Von allen lassen sich Präparate im Web finden und von einigen sind Briefe erhalten. Leider passt für mich von keinem das Etikett-Design und die Handschrift.

Also habe ich Google Gemini gefragt:

"Kannt Du ein historisches Diatompräparat identifizieren? Der Verkäufer hat nur die Angabe "W.C." gemacht. Das Monogramm taucht bei den britischen Präparatoren leider öfter auf. Ich konnte nirgendwo ein Bild, das zu diesem Präparat passt, finden. Charakteritisch an der Handschrift finde ich den geschwungen Übergang vom W zum C, obwohl ein Punkt dazwischen ist. Ich lade Dir das Bild des Präparates hoch."

Und Google hat gedacht. Gute 6 Minuten lang. Dafür hätte man bestimmt zwei Badewannen mit heißem Wasser füllen können. Hier ist die Antwort:

"Auch wenn das Monogramm auf den ersten Blick wie "W.C." aussieht, erzählen die Kombination aus Etikett, Handschrift und Fundort eine sehr spezifische, historische Geschichte. Hier sind die Indizien, die dieses Rätsel (und sehr wahrscheinlich auch die wahre Identität des Präparators) entschlüsseln:

1. Der historische Fundort: "Atlantic mud" und die Zahl "76"
Das ist der absolute Schlüssel zu diesem Präparat. Atlantic mud (Atlantischer Schlamm bzw. Globigerinen- oder Diatomeen-Schlamm) war in der viktorianischen Mikroskopie ein extrem populäres Material. Der Grund dafür war die berühmte HMS Challenger Expedition (1872–1876) – die erste große ozeanographische Forschungsreise der Geschichte. Die Challenger kehrte im Mai 1876 nach England zurück und brachte Unmengen an atlantischem Tiefseeschlamm mit, der in der Folge an ausgewählte britische Mikroskopiker und Präparatoren verteilt wurde. Die Zahl 76 hinter dem Objektiv-Hinweis ("½ in" = Halbzoll-Objektiv, ideal für große Diatomeen wie Asteromphalus) steht also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für das Jahr 1876 oder markiert direkt das berühmte 1876er Challenger-Material.

2. Die Handschrift und das gedruckte Etikett
Das obere Etikett mit dem markanten, in einen Doppelrahmen gedruckten Wort DIATOMACEÆ. (mit der Ligatur Æ) ist ein absoluter Klassiker. Dieses exakte Etikett wurde massenhaft von einem der berühmtesten britischen Diatomeen-Präparatoren aller Zeiten verwendet: William Allott Firth (1853–1923).
Wenn Du Dir die Handschrift ansiehst – insbesondere das markante große "A" bei Asteromphalus mit der tief angesetzten, geschwungenen Querlinie und das fließende "H" bei Hookerii – so ist dies nahezu identisch mit der dokumentierten Handschrift von W. A. Firth auf seinen frühen Präparaten.
3. Das Monogramm: "W.C." oder doch "W.A.F."?
Du hast die Eigenart der Handschrift absolut richtig beobachtet: Den geschwungenen Übergang vom W zum vermeintlichen C, ohne dass der Stift nach dem Punkt abgesetzt wurde.
Unter Sammlern antiker Präparate kommt es hier extrem häufig zu einer Verwechslung. In der fließenden viktorianischen Kursivschrift (Spencerian Script oder ähnliche) wurde das große F oft mit einer weit ausholenden, tiefen Schlaufe nach links und unten geschrieben, die dann schwungvoll nach rechts auslief. Wenn der obere Teil des "F" etwas klein gerät oder mit dem "A" verschmilzt, sieht der untere Bogen für heutige Augen exakt aus wie ein großes C mit einem langen Schwanz.
Es ist in Sammlerkreisen ein bekanntes Phänomen, dass frühe Monogramme von W. A. Firth (W.A.F.) fälschlicherweise als "W.C." abgelesen werden."

Ich habe das natürlich überprüft. Für mich passt die Handschrift. Also William Allott Firth.

William Allott Firth (1853–1923)

Herkunft und Beruf:
W. A. Firth wurde 1853 in Yorkshire (England) geboren[1]. Hauptberuflich war er kein Biologe oder professioneller Mikroskop-Hersteller, sondern Kaufmann und Fabrikant. Er lebte und arbeitete den Großteil seines erwachsenen Lebens in Belfast (Nordirland), wo er unter anderem Eigentümer bzw. Leiter einer Textilbleicherei (Whiterock Bleachworks) war[2].

Bedeutung in der Mikroskopie:
In seiner Freizeit widmete er sich intensiv der Naturkunde und Mikroskopie. Er war Mitglied im Quekett Microscopical Club und im Belfast Naturalists' Field Club[2]. Zum Ende des 19. Jahrhunderts galt er als einer der fähigsten britischen Präparatoren für Diatomeen (Kieselalgen)[2]. Zeitgenössische Fachautoren wie Edmund Spitta zählten ihn 1899 qualitativ zu den besten Präparatoren seiner Zeit und stellten seine Arbeiten auf eine Stufe mit denen bekannter deutscher Meister wie J. D. Möller oder Eduard Thum[2].

Spezialgebiet:
Firth war besonders für seine handwerkliche Präzision bei sogenannten Legepräparaten (Selected Slides oder Arranged Slides) bekannt[2]. Er platzierte einzelne Kieselalgen, Foraminiferen oder auch Schmetterlingsschuppen mit feinsten Werkzeugen gezielt in Reihenfolgen, nach bestimmten Blickwinkeln oder in geometrischen Mustern[2]. Solche Präparate wurden oft als Testobjekte für die Qualität von Mikroskop-Objektiven genutzt[1].

Vertrieb der Präparate:
Ab den späten 1890er Jahren begann Firth, seine Präparate auch kommerziell anzubieten[2]. Sie wurden teilweise direkt von ihm verkauft – oftmals versehen mit seinen markanten, in einen Doppelrahmen gedruckten ,,DIATOMACEÆ."-Etiketten[3] –, aber auch in großen Mengen über bekannte Mikroskopie-Händler wie Charles Baker oder Herbert F. Angus vertrieben[2].

[1] wordpress.com
[2] microscopist.net
[3] jmcscientificconsulting.com


Was sieht man auf dem Präparat? Wie üblich absolut ungeputzt.



übersicht_dik.jpg
Bild 2: Übersicht mit dem 10er Planachromaten im DIK


alge_1_100_dik.jpg
Bild 3: Alge 1 mit dem 100er Planachromaten im DIK



alge_2_100_dik.jpg
Bild 4: Alge 2 mit dem 100er Planachromaten im DIK


Viel Spaß beim Betrachten und frohe Ostertage,

Carsten


ACHTUNG: es geht noch weiter, bitte etwas Geduld.
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako

Carsten Wieczorrek

Einschub Asteromphalus
Als Christian Gottfried Ehrenberg 1844 das antarktische Schlamm-Material der Expeditionen von Hooker und Darwin untersuchte, war er von den sternförmigen Asteromphalus-Algen begeistert. Da er die biologischen Hintergründe des Wachstums noch nicht kannte, machte er das, was damals üblich war: Er beschrieb für fast jede abweichende Anzahl an Strahlen eine neue Art und benannte sie nach berühmten Zeitgenossen:
 - Asteromphalus hookeri (meist 6 bis 7 breite Strahlen + 1 schmaler)
 - Asteromphalus buchii (meist 5 breite Strahlen)
 - Asteromphalus humboldtii (meist 8 breite Strahlen)
 - Asteromphalus cuvierii (meist 9 breite Strahlen)
 - A. beaumontii, A. rossii, etc.
Es gab sogar eine Asteromphalus challengerensis.

Als man dann Algen fand, die auf Hypotheka und Epitheka unterschiedliche Anzahlen von hyalinen Strahlen fand, kam man zu dem Schluss, dass es sich vermutlich nur um eine Art handelt. Die Anzahl der Strahlen ist von der Theken-Größe abhängig. Und da die in der Generationsfolge immer kleiner werden, passen irgendwann nur noch wenige Strahlen auf die Schale. Heute teilt man den Komplex meist nur noch in zwei Hauptarten auf:
Asteromphalus hookeri: Hat glatte, ungebogene Trennlinien im Zentrum.
Asteromphalus darwinii: Hat markant gezackte (Zick-Zack) Trennlinien im Zentrum.


Kommen wir zu den Bildern von Alge 1.


alge_1_50_hell.jpg
Bild 5: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im Hellfeld


alge_1_50_positiv.jpg
Bild 6: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im positiven Phasenkontrast



alge_1_50_negativ.jpg
Bild 7: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im negativen Phasenkontrast



alge_1_50_bunt.jpg
Bild 8: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im bunten Phasenkontrast



alge_1_50_dunkel.jpg
Bild 9: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im Dunkfelfeld
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako

Carsten Wieczorrek

Und noch Alge 2.


alge_2_50_hell.jpg
Bild 10: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im Hellfeld



alge_2_50_positiv.jpg
Bild 11: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im positiven Phasenkontrast



alge_2_50_negativ.jpg
Bild 12: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im negativen Phasenkontrast




alge_2_50_bunt.jpg
Bild 13: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im bunten Phasenkontrast



alge_2_50_dunkel.jpg
Bild 14: Alge 1 mit dem 50x Apochromaten im Dunkfelfeld




Schöne Grüße
Carsten
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako

purkinje

Hallo Carsten,
deine "unterstützte" Recherche nach dem Präparator ist ja ebenso spannend wie deine Varianten des Phasenkontastes.
Beste Grüße Stefan

deBult

Reading the German language is OK for me, writing is a different matter though: my apologies.

A few Olympus BH2 and CH2 stands with DIC and phase optics.
I used to say "The correct number of scopes to own is N+1 (With N is the number currently owned)", as a pensioner the target has changed in n-1.

Peter T.

Hallo Carsten,

spannender Beitrag, auch zur Mikroskopie-Geschichte.

Schöne Grüße

Peter
Liebe Grüße
Peter

Carsten Wieczorrek

Moin,
es gab übrigens auch den Präparator R. I. Firth. Gut 60 Jahre später. Nicht verwand, nicht Verschwörer.
Frohe Ostern
Carsten
Für's grobe : GSZ 1
Zum Durchsehen : Amplival Hellfeld, Dunkelfeld, INKO, Phasenkontrast
Zum Draufsehen : Vertival Hellfeld, Dunkelfeld
Zum Polarisieren : Amplival Pol u Auf-/Durchlicht
Für psychedelische Farben : Fluoval 2 Auflichtfluoreszenz
Für farbige Streifen : Epival Interphako