Autor Thema: Fluoreszenz im Haushalt  (Gelesen 2860 mal)

Marcus_S

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Fluoreszenz im Haushalt
« am: Mai 23, 2020, 23:50:37 Nachmittag »
Moin!

Ich steige ja erst wieder ganz vorsichtig in die Feierabendmikroskpie ein. Aber auch auf die Gefahr hin, mich hier gleich zu Beginn lächerlich zu machen, traue ich mich mal, was von meinen Experimenten zu berichten.

Ausgangspunkt war: die Beschaffung verschiedener (Fluoreszenz-)Farbstoffe ist ja nicht immer so völlig unproblematisch. Also habe ich mich mal im Haushalt umgesehen, ob da nicht was ganz legal (?) und leicht erhältlich funzelt.

Das Opfer für die Tests war der Stiel eines Efeublattes. Efeu, weil sogar ich den erkenne. Fixiert und einige Wochen aufbewahrt in Brennspiritus/Essigessenz (25%) 75/25 (v/v). Na gut, es war vielleicht nicht so unheimlich schlau, in die Fixiermischung auch noch ein Stückchen Fichtenzweig mit reinzuwerfen, so daß sich nun alles Lösliche aller Pflanzenteile hübsch überall hin verteilt hat, aber um die Unterschiede zu sehen, da mag es trotzdem reichen.

Dem fixierten Blattstengel bin ich dann freihändig mit einer ausgelutschten Rasierklinge zu Leibe gerückt, von den etwa 20 Schnitten habe ich per Augenmaß die drei schönsten ausgesucht.

Ein Schnitt blieb zur Kontrolle ungefärbt, nur in Glycerin eingedeckt.

Der zweite wurde mit einem winzigen Klecks Färbelösung, verdünnt mit einem Tropfen Leitungswasser, gefärbt. Färbelösung war hier - strengst wissenschaftlich hergestellt - eine Lösung aus etwa einer 1/8 zerschabten Tablette Neo-Chinosol (Wirkstoff: Ethacridinlactat) in etwa 10 ml Leitungswasser. Neo-Chinosol (oder vielleicht wegen der Hilfsstoffe der Tablette besser für die Fluoreszenzmikroskopie Rivanol-Pulver) ist ein wohl noch immer frei verkäufliches Wunddesinfektionsmittel, ich habe eine uralte Packung dieser Tabletten in alten Vorräten gefunden. Den Schnitt in dem Tropfen auf dem OT gefärbt und dann immer wieder mit jeweils einem Tropfen Leitungswasser gewaschen, schlußendlich in Glycerin eingedeckt.

Den dritten Schnitt habe ich mit einem halben Tropfen eines alkoholischen Extrakts eines Vollwaschmittels behandelt. Auf diese Weise hoffte ich, an die fluoreszierenden optischen Aufheller zu gelangen, auch wenn ich noch sonstigen Kram mit extrahiert würde. Dazu habe ich - wieder streng wissenschaftlich - drei Teelöffel Vollwaschmittel (Tandil) mit 50 ml Brennspiritus vermischt, etwa eine Stunde lang hin und wieder geschüttelt, sedimentieren gelassen und von dem noch immer leicht trüben Überstand zum Färben einen kleinen Tropfen entnommen, diesen mit einem Tropfen Leitungswasser verdünnt und den Schnitt in dieser Lösung auf dem OT gefärbt. Einmal ausgewaschen und in Glycerin eingedeckt.

Beguckt habe ich die Präparate mit einem 10x/0,3 Objektiv, 100 W Halogen-Auflicht-Breitbandblauanregung (420 nm - 480 nm), geknipst mit einer vom Fernrohr abgeschraubten billigen Astrokamera (ZWO ASI 120 MC-S). Der Trinotubus war auf 70/30 geschaltet, die Belichtungszeiten sind in den Bildern unten angegeben. Der Eindruck im Okular war am ungefärbten Schnitt etwas dunkel, aber noch in Ordnung, der Vollwaschmittelschnitt angenehm und ohne Überstrahlungen, die Photonen des Chinosol-Schnitts bliesen mich fast vom Höckerchen.
Jeweils ein einzelnes Bild auf 50% verkleinert und ansonsten völlig unbearbeitet in Open Office zur Bildertafel montiert, beschriftet und dann noch einmal fürs Forum auf 1024er Breite geschrumpft.

Was da aus Botanikersicht zu sehen ist, das wißt Ihr viel besser als ich. Aber als Ergebnis läßt sich festhalten:
- Die Schnitte werden hübsch bunt ;-)
- Die Konzentration des Waschmittelextraktes dürfte gerne etwas höher sein, das Verdünnen scheint eher unnötig. Die Begleitstoffe des Waschmittels scheinen nicht wirklich zu stören, die Aufheller kommen bei der Extraktion in ausreichendem Maße mit und lassen sich im Präparat (gerade noch so?) mit Breitbandblau anregen, wenn auch die Fluoreszenz nicht gleißend hell ist. Vollwaschmittel halte ich aber für weiter untersuchenswert. Ein Vergleich mit UV-Anregung (hab' ich nicht...) wäre überaus interessant.
- Das Ethacridinlactat fluoresziert heftigst. In der Kürze der Spielchen habe ich kein Photobleaching feststellen können. Die Färbelösung war definitiv viel zu konzentriert und ich hätte den Schnitt gut und gerne noch öfter auswaschen können. Für diesen Farbstoff braucht man zur Anregung definitiv keine Flutlichtlampe, da tut es wohl auch fast ein Teelicht. Ethacridinlactat ist nun aber mein Favorit. Das Zeug ist billig und ergiebig und nicht unmittelbar sofort todbringend und geht auch beipielsweise gut an Milchsäurebakterien. Weitere Einsatzgebiete gilt es noch zu erforschen. Warum das noch nicht so oft in der Mikroskopie verwendet wird - ich weiß es nicht.
- Die Kamera tut auch am Mikroskop einigermaßen. Der Chip ist zu klein, dafür sind die Pixel zu groß. Der Farbeindruck ist etwas matt. Das mag daran liegen, daß es eben eine Astrokamera ist, bei der eher wenig an den rohen Bilddaten gedreht wird, bevor die ziemlich unkomprimiert durch das Kabel gen Rechner gehen. Nett aber ist: die ist auch am Mikroskop flott (ach was!). Stacken ist kein Problem - einfach den Fokustrieb langsam durchkurbeln und dabei einen unkomprimierten Bildstapel einsaugen. Nach so etwa 5 Sekunden ist man damit durch. Den S/W-Kollegen der ASI 120 (mit größerem Chip und dafür kleineren Pixeln) habe ich neulich an Diatomeen ausprobiert, für meinen Geschmack ganz annehmbar. Astrokameras können also auch am Mikroskop eine gute Figur machen, wie man ja auch hier sieht: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=37441.0 Man muß aber hinterher ein wenig an den Bildern rumfummeln.


Zum Abschluß habe ich dann noch ein Vollwaschmittelbildchen mit dem 20x-Objektiv geknipst und das Bild mit Fitswork etwas verhübscht, um es dem Eindruck im Okular ein wenig anzupassen.


Vielleicht regt das jemanden an - zum Lachen, Lästern oder Mitmachen.


Viele Grüße von

Marcus


reblaus

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #1 am: Mai 24, 2020, 00:24:14 Vormittag »
Hallo Marcus -

ich bin begeistert - solche Ideen brauchen wir dringend hier und ich ärgere mich, dass mir so was nicht selbst eingefallen ist. Morgen werde ich mal den Arzneimüll durchschauen.

Viel Erfolg auf dieser Bahn!

Rolf

P.S. Wie sieht sie unbehandelte Efeu-Kontrolle aus?

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #2 am: Mai 24, 2020, 01:37:47 Vormittag »
Moin Rolf,

dankeschön für das Lob! :-) Und nicht ärgern, einfach mitspielen. Es gibt genug zu tun für alle.

Den Arzneimüll durchzusehen ist sicher eine gute Idee. Ganz früher gab es die winzigen Chinosol-Tabletten, zum Auflösen und Gurgeln. Das war 8-Hydroxychinolin und das ging in blau auch gut. Die Tablettchen habe ich aber irgendwo verkramt. Mit Tetracyclinen sollte es bei Blauanregung auch klappen, aber wegen irgendwelcher Resistenzbildungen hätte ich da Bedenken.

Vielleicht macht ja auch noch mal jemand einen Ausflug nach Dänemark, da konnte man früher ganz tolle Lebensmittelfarben im Supermarkt kaufen, gibt es hier in D sowas auch? Ich kenne mich da nicht so aus. Ostern mit den Eierfarben ist ja gerade vorbei. Oder man brät sich mal schnell Karamell und guckt, was das macht und ob das irgendwo aufzieht. Neulich habe ich mal Düsseldorfer Senf beäugt, das Kurkumin (?) färbt zumindest den Inhalt des Senftopfs ein und das fluoresziert dann auch ganz munter grün bis gelb, da muß ich aber mal noch in Ruhe ran und erstmal den Gassner abstauben. Kurkuma als Gewürz müßte man ja auch irgendwo kaufen können und dann Schnaps drauf, schütteln, abfiltrieren, fertig ist die fluoreszierende Fettfärbung?


Wegen der unbehandelten Efeu-Probe: in der Bildertafel oben links. Oder meinst Du ein hübscheres, höher aufgelöstes Bildchen? Müßte ich nachreichen, das Präparat habe ich noch nicht weggeschmissen.


Viele Grüße von

Marcus


Herbert Dietrich

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #3 am: Mai 24, 2020, 08:03:25 Vormittag »
Servus Markus,

ich bin fast erschlagen!

Du kannst ja noch viel mehr als Bier und Sechs auf Kraut!
Frei nach Goethe: Hat der alte Hexenmeister sich von Nord nach Süd begeben... :)
Ich freue mich auf weiter Beiträge und gehe jetzt in den Keller und suche nach den Chinosol-Tablettchen.

Herzliche Grüße

Herbert

Florian D.

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #4 am: Mai 24, 2020, 09:59:00 Vormittag »
Hallo,

gute Arbeit!
Hier noch ein paar Ideen:
Saft aus Berberitzenzweigen (Berberin)
Saft aus Kastanientrieben (Aescin)
Optische Aufeller aus Waschmittlen
Grüne und orange Fluoreszenzmarker
Vitamin B5

Viele Grüsse
Florian



 

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #5 am: Mai 24, 2020, 11:45:21 Vormittag »
Moin Herbert, moin Florian!

Vielen Dank für die Komplimente.


Herbert,


Du kannst ja noch viel mehr als Bier und Sechs auf Kraut!


Dankeschön, ich übe einigermaßen fleißig: Essen, Trinken und Frickeln ;-) Ich wünsche Dir viel Glück bei der Suche!



Florian,

danke für Deine interessanten Anregungen.

Berberitzen
müßte ich erstmal finden und absägen (die sind doch oben grün und unten erdig?), da nützt auch der Besitz eines Exemplars des Rothmaler nix. Mein Ausflug in die Botanik ist zu lange her und da ging das ja auch immer andersrum: ich habe eine Pflanze und weiß nicht, was es ist", hier heißt es ja "ich kenne die Pflanze und weiß nicht, wo sie ist". Die Standortbeschreibungen bei Wikipedia lesen sich aber für Bierfranken ganz passend. Berberinsulfat habe ich vor rund 20 Jahren in meinem Vor-vor-vorleben mal probiert - geht in blau großartig!

Aescin
das ist von Deiner Liste mein Favorit, mindestens von der Beschaffung. Kastanien erkenne ich auch, wachsen oft in Biergärten. Saison für Triebe ist fast vorbei (?), aber für einen Versuch mag es noch gehen? Nur die Strukturformel sieht mir etwas zu wenig Pi-elektronisch aus, fluoresziert das tatsächlich? Und reicht das dann auch zum Färben?

Vollwaschmittel
hab' ich schon... Trübanteil ist mittlerweile besser sedimentiert. Ich kann nachher mal "ernten".

Vitamin B5
= Pantothensäure. Hat auch recht wenig Pi. Hab' ich aber auch nicht da, die Fluoreszenz ist zumindest von Panthenol in der Heilsalbe eher ... verhalten. Aber mal bei den Nahrungsergänzungsmitteln für die Sportler zu gucken, ist auch eine gute Idee.


Weitere Anregungen nehme ich aber immer gerne auf.
Und mal in die Runde gefragt: Acriflavin geht ja auch wunderschön, jedenfalls war das vor 20 Jahren so. Soll als Arzneimittel für Fische gehandelt werden, ich habe das aber bei kurzer Suche nur im Gemisch mit Methylenblau gefunden. Gibt es das auch als Monopräparat (heißt das dann so?).


Viele Grüße von

Marcus

Florian D.

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #6 am: Mai 24, 2020, 11:54:48 Vormittag »
Hallo Marcus,

mit den B-Vitaminen komme ich immer durcheinander. Ich meinte Riboflavin, Vitamin B2, nicht das B5.

Viele Grüsse
Florian

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #7 am: Mai 24, 2020, 12:00:19 Nachmittag »
Moin Florian,

aaaahhhhh, das sieht doch viel besser aus. Und Lebensmittelfarbstoff ist es auch noch, habe ich mal auf meine Liste getan. Nun muß ich das Zeug nur noch mal irgendwann irgendwo finden. Dankeschön!

Nochmal Grüße von

Marcus

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #8 am: Mai 24, 2020, 19:09:09 Nachmittag »
Moin!

ich mach hier einfach mal ein bißchen weiter...

- Unverdünnter alkoholischer VWM-Extrakt (siehe oben) färbt deutlich intensiver, die Reste der rötlichen Fluoreszenz um die Leitbündel herum gehen dann verloren, dafür ergibt sich ein interessanter Farbkontrast zwischen den nun eher gelblich fluoreszierenden Leitbündeln und dem eher grüngrünblau (in der Bedeutung so zu verstehen wie Nord-Nordost) leuchtenden lockeren Gewebe. Verwendet habe ich nun 2 Tropfen des Extrakts, da wellte sich der frei herumschwimmende Schnitt aber mächtig. So habe ich dann beim Färben doch mit einem Tropfen Wasser verdünnt.
- ein kurzer Versuch mit einem konzentrierten wäßrigen Auszug aus überlagertem Rotbuschtee lohnt den Aufwand eher nicht. Das Gebräu funzelt zwar ein wenig in Grün- und Blauanregung und die Leitbündel kommen etwas besser raus als in Autofluoreszenz, aber das kann man auch einfacher und deutlicher z. B. mit Ethacridinlactat haben.
- Die Färbungen mit VWM-Extrakt und mit Ethacridinlactat scheinen - in Glycerin eingedeckt - zumindest so 12 Stunden zu halten. VWM wird fast noch etwas klarer im Bild.
- Zuckercouleur ist eigentlich nur dazu geeignet, gut zu riechen und die Spülmaschine zu beschäftigen. Fluoresziert zwar gar nicht so wenig grün, zieht aber auf meinen Efeu nicht auf.


Beim nächsten Einkauf gehe ich mal am Backzutatenregal vorbei... Hat eigentlich schonmal jemand die Textilfarben zum in-der-Waschmaschine-färben ausprobiert?


Nochmal Grüße von

Marcus

Bob

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #9 am: Mai 24, 2020, 22:05:28 Nachmittag »
Hallo Marcus,

eine interessante Versuchsreihe hast Du da gestartet! Eigentlich müsste es ja möglich sein, Fluoreszenzeigenschften zu prüfen, wenn man eine kräftige Taschenlampe mit dem Anregungsfilter bestückt, und im dunkeln durch den Emissionsfilter beobachtet.
Denkbare Kandidaten wären Knicklichter.

Hier gibt es auch allerhand fluoreszierende Farben: https://www.amazon.de/Kit-3-fluoreszierende-Lebensmittelfarbe-Fuchsia-Gr%C3%BCn-Gelb/dp/B07PCK4DM8

Die spannende Frage ist natürlich, ob sie sich differenzierend anlagern.

Hier noch ein Liste von Farbstoffen, die fluoreszieren sollen. Getestet habe ich nur Rhodamin B und Acriflavin und Fluorescin.

Rhodamin-B
Acriflavin
Chryosidin
Acridin orange
Fluorescin dissodium
Acridingelb
Primulin gelb
4-Methyläsculetin
Aesculin
Euflavin
Quercetin
Chininsulfat

Angehängt habe ich zwei Bilder eines mit Acriflavin gefärbten Handschnitts einer Mammutbaumnadel.

Viele Grüße,

Bob

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #10 am: Mai 25, 2020, 19:59:48 Nachmittag »
Moin Bob,

Dankeschön für Deine Anregungen.

Knicklichter sind natürlich witzig, daran habe ich gar nicht gedacht. Legal erhältlich, der Inhalt aber wahrscheinlich überhaupt nicht lecker. Muß ich mich mal einlesen.

Von Deiner Liste muß ich leider einige der Kanditaten als im Sinne dieser Experimente eher ungeeignet einstufen. Acridinorange beispielsweise ist natürlich klasse, aber nicht so wahnsinnig bekömmlich.

Primulin hatte ich nicht mehr auf dem Radar, das klingt interessant. Das hat Leica mal vor 25 Jahren in einer Broschüre erwähnt, meine ich. Gibt es das in irgendeinem Alltagsbedarfsgeschäft zu kaufen?

Spannend auch, daß mit dem Aesculin schon wieder die Kastanie auftaucht. Müßte man mal mit der UV-Lampe nachts in den Park... ;-)

Umso gruseliger finde ich aber den Hinweis auf die Lebensmittelfarben, vielen Dank! Großartig! Das Zeug scheint ja wirklich zu fluoreszieren, so wie die das bewerben. Netterweise geben die auch gleich die Inhaltsstoffe an und dann landet man wieder bei Curcumin, Riboflavin und, als Neuzugang in der Sammlung, Betanin (aus der Roten Bete) und Capsanthin (aus Paprika). Curcumin und Riboflavin sind nach neueren Erhebungen in verschiedenen Kuchenverzierfarbstoffen enthalten, zum Teil sogar ziemlich rein.

Deine Bilder finde ich sehr hübsch. Acriflavin muß ich mal weiter oben in meine Prioritätenliste einsortieren, muß mal in die Gartenteichzubehörhandlung gehen. Vielleicht stört das wohl oft mit untergerührte Methylenblau in den Fischarzneien in Fluoreszenz ja gar nicht so sehr.

Es gibt noch zu tun.


Viele Grüße von

Marcus


Bob

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #11 am: Mai 25, 2020, 21:15:00 Nachmittag »
aber nicht so wahnsinnig bekömmlich.

Hallo Marcus,

das scheint mir ein gängiges Problem bei Mikroskopie-Rezepten zu sein: Die Erfinder hatten umfangreichen Zugang zu Chemikalien und Laboreinrichtungen und Arbeitssicherheit und Entsorgung wurden nicht so eng gesehen. Will man das heute zu Hause nachmachen, steht zuerst eine Neubewertung der verwendeten Substanzen und Prozeduren an. Und man muss sich daran gewöhnen, sich auch mal Grenzen zu setzen. Daher finde ich Experimente zum Finden zeitgemäßerer Methoden sehr wertvoll.

Viele Grüße,

Bob

Florian D.

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #12 am: Mai 25, 2020, 21:23:51 Nachmittag »

Knicklichter sind natürlich witzig, daran habe ich gar nicht gedacht. Legal erhältlich, der Inhalt aber wahrscheinlich überhaupt nicht lecker. Muß ich mich mal einlesen.


Weniger schlimm als man denkt. In den Originalpatenten wurde das Zeug in Diethylphtalat gelöst, was heute als Xenöstrogen etc. gilt.
In den heutigen Knicklichtern sind Citronensäureester als Lösungsmittel enthalten. Das ist schon fast bio.

Viele Grüsse
Florian

benj222

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #13 am: Mai 25, 2020, 22:57:19 Nachmittag »
Moin!

Ich steige ja erst wieder ganz vorsichtig in die Feierabendmikroskpie ein. Aber auch auf die Gefahr hin, mich hier gleich zu Beginn lächerlich zu machen, traue ich mich mal, was von meinen Experimenten zu berichten.

Ausgangspunkt war: die Beschaffung verschiedener (Fluoreszenz-)Farbstoffe ist ja nicht immer so völlig unproblematisch. Also habe ich mich mal im Haushalt umgesehen, ob da nicht was ganz legal (?) und leicht erhältlich funzelt.

Das Opfer für die Tests war der Stiel eines Efeublattes. Efeu, weil sogar ich den erkenne. Fixiert und einige Wochen aufbewahrt in Brennspiritus/Essigessenz (25%) 75/25 (v/v). Na gut, es war vielleicht nicht so unheimlich schlau, in die Fixiermischung auch noch ein Stückchen Fichtenzweig mit reinzuwerfen, so daß sich nun alles Lösliche aller Pflanzenteile hübsch überall hin verteilt hat, aber um die Unterschiede zu sehen, da mag es trotzdem reichen.

Dem fixierten Blattstengel bin ich dann freihändig mit einer ausgelutschten Rasierklinge zu Leibe gerückt, von den etwa 20 Schnitten habe ich per Augenmaß die drei schönsten ausgesucht.

Ein Schnitt blieb zur Kontrolle ungefärbt, nur in Glycerin eingedeckt.

Der zweite wurde mit einem winzigen Klecks Färbelösung, verdünnt mit einem Tropfen Leitungswasser, gefärbt. Färbelösung war hier - strengst wissenschaftlich hergestellt - eine Lösung aus etwa einer 1/8 zerschabten Tablette Neo-Chinosol (Wirkstoff: Ethacridinlactat) in etwa 10 ml Leitungswasser. Neo-Chinosol (oder vielleicht wegen der Hilfsstoffe der Tablette besser für die Fluoreszenzmikroskopie Rivanol-Pulver) ist ein wohl noch immer frei verkäufliches Wunddesinfektionsmittel, ich habe eine uralte Packung dieser Tabletten in alten Vorräten gefunden. Den Schnitt in dem Tropfen auf dem OT gefärbt und dann immer wieder mit jeweils einem Tropfen Leitungswasser gewaschen, schlußendlich in Glycerin eingedeckt.

Den dritten Schnitt habe ich mit einem halben Tropfen eines alkoholischen Extrakts eines Vollwaschmittels behandelt. Auf diese Weise hoffte ich, an die fluoreszierenden optischen Aufheller zu gelangen, auch wenn ich noch sonstigen Kram mit extrahiert würde. Dazu habe ich - wieder streng wissenschaftlich - drei Teelöffel Vollwaschmittel (Tandil) mit 50 ml Brennspiritus vermischt, etwa eine Stunde lang hin und wieder geschüttelt, sedimentieren gelassen und von dem noch immer leicht trüben Überstand zum Färben einen kleinen Tropfen entnommen, diesen mit einem Tropfen Leitungswasser verdünnt und den Schnitt in dieser Lösung auf dem OT gefärbt. Einmal ausgewaschen und in Glycerin eingedeckt.

Beguckt habe ich die Präparate mit einem 10x/0,3 Objektiv, 100 W Halogen-Auflicht-Breitbandblauanregung (420 nm - 480 nm), geknipst mit einer vom Fernrohr abgeschraubten billigen Astrokamera (ZWO ASI 120 MC-S). Der Trinotubus war auf 70/30 geschaltet, die Belichtungszeiten sind in den Bildern unten angegeben. Der Eindruck im Okular war am ungefärbten Schnitt etwas dunkel, aber noch in Ordnung, der Vollwaschmittelschnitt angenehm und ohne Überstrahlungen, die Photonen des Chinosol-Schnitts bliesen mich fast vom Höckerchen.
Jeweils ein einzelnes Bild auf 50% verkleinert und ansonsten völlig unbearbeitet in Open Office zur Bildertafel montiert, beschriftet und dann noch einmal fürs Forum auf 1024er Breite geschrumpft.

Was da aus Botanikersicht zu sehen ist, das wißt Ihr viel besser als ich. Aber als Ergebnis läßt sich festhalten:
- Die Schnitte werden hübsch bunt ;-)
- Die Konzentration des Waschmittelextraktes dürfte gerne etwas höher sein, das Verdünnen scheint eher unnötig. Die Begleitstoffe des Waschmittels scheinen nicht wirklich zu stören, die Aufheller kommen bei der Extraktion in ausreichendem Maße mit und lassen sich im Präparat (gerade noch so?) mit Breitbandblau anregen, wenn auch die Fluoreszenz nicht gleißend hell ist. Vollwaschmittel halte ich aber für weiter untersuchenswert. Ein Vergleich mit UV-Anregung (hab' ich nicht...) wäre überaus interessant.
- Das Ethacridinlactat fluoresziert heftigst. In der Kürze der Spielchen habe ich kein Photobleaching feststellen können. Die Färbelösung war definitiv viel zu konzentriert und ich hätte den Schnitt gut und gerne noch öfter auswaschen können. Für diesen Farbstoff braucht man zur Anregung definitiv keine Flutlichtlampe, da tut es wohl auch fast ein Teelicht. Ethacridinlactat ist nun aber mein Favorit. Das Zeug ist billig und ergiebig und nicht unmittelbar sofort todbringend und geht auch beipielsweise gut an Milchsäurebakterien. Weitere Einsatzgebiete gilt es noch zu erforschen. Warum das noch nicht so oft in der Mikroskopie verwendet wird - ich weiß es nicht.
- Die Kamera tut auch am Mikroskop einigermaßen. Der Chip ist zu klein, dafür sind die Pixel zu groß. Der Farbeindruck ist etwas matt. Das mag daran liegen, daß es eben eine Astrokamera ist, bei der eher wenig an den rohen Bilddaten gedreht wird, bevor die ziemlich unkomprimiert durch das Kabel gen Rechner gehen. Nett aber ist: die ist auch am Mikroskop flott (ach was!). Stacken ist kein Problem - einfach den Fokustrieb langsam durchkurbeln und dabei einen unkomprimierten Bildstapel einsaugen. Nach so etwa 5 Sekunden ist man damit durch. Den S/W-Kollegen der ASI 120 (mit größerem Chip und dafür kleineren Pixeln) habe ich neulich an Diatomeen ausprobiert, für meinen Geschmack ganz annehmbar. Astrokameras können also auch am Mikroskop eine gute Figur machen, wie man ja auch hier sieht: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=37441.0 Man muß aber hinterher ein wenig an den Bildern rumfummeln.


Zum Abschluß habe ich dann noch ein Vollwaschmittelbildchen mit dem 20x-Objektiv geknipst und das Bild mit Fitswork etwas verhübscht, um es dem Eindruck im Okular ein wenig anzupassen.


Vielleicht regt das jemanden an - zum Lachen, Lästern oder Mitmachen.


Viele Grüße von

Marcus

Tolle Aufnahmen!
ich bin neu hier, alles bewundernswert für mich :)

Marcus_S

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Re: Fluoreszenz im Haushalt
« Antwort #14 am: Mai 26, 2020, 23:42:34 Nachmittag »
Moin!

Ich mache hier mal weiter mit meiner Werbe- und Verkaufsveranstaltung für das Ethacridinlacat ;-)

Mal die Färbewirkung etwas genauer dokumentieren: Ausstrich eines Zaziki-Quarks, nach den Inhaltsstoffangaben mit Joghurt. Dann sollten ja auch Milchsäurebakterien zu finden sein. Los geht's.

Ausstrich des Zaziki-Quarks auf schlecht geputztem Objektträger, lufttrocknen gelassen, über der Feuerzeugflamme hitzefixiert. Mit einem Tropfen der o. g. Ethacridinlactatlösung beträufelt, ca. 1 min gefärbt. Mit Leitungswasser gespült, in Glycerin eingedeckt, beäugt. Für total überfärbt und nicht gut genug gespült befunden. Deckglas wieder abgenommen, nochmals erheblich gründlicher gewaschen. Neues Deckglas aufgelegt (diesmal auf den Wasserfilm), beguckt und geknipst.

100 W Halogen, Auflicht-Breitbandblauanregung, alles Licht zur Kamera, Kamera diesmal wegen der kleineren Pixel in schwarzweiß, also mit der ASI 178 MM. Kamera an Pentacon 1,8/50 auf dem Trinotubus, als Objektiv ein recht hübsches 20x/0,75. Belichtungszeit 100 ms bei sehr geringer Verstärkung (Gain 5, Bereich geht bis 510), 8 bit "Farb"tiefe. Fokussiert per Auge am Monitor. Gezeigt ist ein Ausschnitt aus dem Originalbild (rund 1/6 des Bildfeldes), leicht mit einer unscharfen Maske und zarten Korrekturen am Histogramm mit Fitswork aufgehübscht.

Was sieht man? Grün. Viel sehr helles einheitliches Grün, deshalb reicht auch die empfindlichere SW-Kamera, bunt ist da völlig unnötig.
Das Ethacridinlactat zieht offensichtlich heftig gut auf (Milch-)Proteinaggregate (die großen, körnig-wolkigen Strukturen) auf und macht auch vor den Milchsäure(?)bakterien nicht halt. Diese sind allüberall als deutlich hellere grünliche bis annähernd gelbgrünliche, scharfe begrenzte, längliche, teilweise auch zu Paaren oder kurzen Ketten zusammengelagerten Pünktchen zu erkennen, oft im Proteingerüst vergraben.
Interessant aber, daß die Öl- oder Fetttröpfchen ungefärbt blieben. Die glimmen nur matt, ziemlich eindeutig beleuchtet durch das grelle Fluoreszenzlicht des Proteingerüsts drumherum. Da hätte ich mir von dem "Eth" im Ethacridin mehr erwartet.

Ich muß beim Einkaufen mal an Hefe denken...


Viele Grüße von

Marcus





P.S. benj222, dankeschön für die Komplimente!