Autor Thema: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale  (Gelesen 1182 mal)

D.Mon

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Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« am: Oktober 06, 2020, 22:06:10 Nachmittag »
Hallo zusammen,

ich habe am Wochenende spontan einen Tropfen aus einem Untersetzer untersucht, in dem ich einige Moorpflanzen in Anstaukultur halte. Ich hab eine ganz kleine Menge Detritus mit pipettiert und einfach mal geschaut, was ich darin finden kann. Ich finde es jedes mal aufs neue fantastisch, welche Universen sich in einem winzigen Wassertröpfchen mit etwas Schmodder auftun können.

Neben einem glasartig durchsichtige Wenigborster, der sehr an den Öltröpfchenwurm erinnert, den Gerd neulich gezeigt hat (nur eben ohne die Öltröpfchen), habe ich einen interessanten Wurm entdeckt, den ich für einen Strudelwurm unbekannter Spezies halte (Fotos s. unten).

Der Wurm ist etwa 1.250 µm lang und war sehr aktiv. Auffällig ist, dass er sich gleichermaßen vorwärts wie rückwärts bewegt, fast wie ein Zug auf einem Rangierbahnhof. Teilweise hat er sich auch stark geringelt und ist überhaupt sehr beweglich. Er hat sich aber nie mit einem Ende festgeheftet, sondern ist stets frei umhergeschwommen.

Der Körperbau weist einige Besonderheiten und auffällige Details auf. Etwa 1/5 hinter dem vorderen Ende eine hat er eine Ringfurche (RF) mit deutlich ausgeprägten Wimpernbüscheln, die fast wie ein Hals wirkt. Der vordere Teil erinnert an den Kopf eines Alligatoren und an der Spitze konnte ich einen "Bart" aus Wimpern erkennen, die vermutlich Sinnesorgane enthalten. Zusammen mit dem schlangenartigen Körper mit abgesetztem Schwanzende erinnert mich das stark an manche Darstellungen von chinesischen Drachenwesen. Bei genauem Hinsehen lassen sich sehr viele Details erkennen. Leider fehlen mir die Kenntnisse, diese richtig interpretieren zu können.

Auf dem Kopf befindet sich ein auffälliger Punkt (aP). An der Ringfurche konnte ich außerdem eine lappenartige Struktur (lS) erkennen, von der ich annehme, dass sie mit dem Gehirn verbunden ist. Das ist aber reine Spekulation. Den Mund vermute ich unmittelbar hinter der ringförmigen Einschnürung und den Pharynx etwas dahinter. Mund und Rachen scheinen voneinander abgesetzt zu sein, was ja nicht bei allen Turbellarien so ist. Insgesamt gibt es am Vorderende mehrere Zonen mit ausgeprägt langen Wimpernbüscheln. Ich habe auch zwei etwas dunklere Punkte erkannt (A), die möglicherweise Augen sind.

Der gesamte restliche Körper ist mir mehr oder weniger gleich langen, etwa kürzeren Wimpern besetzt, die meiner Absicht nach hauptsächlich der Fortbewegung dienen. Der Darm scheint ungefähr halb so lang wie der Körper zu sein. After gibt es, wie bei Strudelwürmern üblich, keinen. Mir schien es so, dass die unbekannte Turbellaria mit seinem Mund den Boden abgesucht hat. Im Gegensatz zu anderen Strudelwürmern zeigte er aber keinerlei Interesse an größeren Infusorien, die immer wieder mal in die Nähe gekommen waren.

Im LiW (13. Auflage) und diversen Quellen im Internet kann ich keinen Strudelwurm finden, mit dem ich meinen identifizieren könnte. Am ähnlichsten scheint mir noch die Beschreibung von Catenula lemnae zu sein. Bie dieser Art ist die mit Zielien besetzte Ringfurche sowie eine Statocyste im Gehirn (der ap?) beschrieben, aber auch ein kurzer Darm und keine Augen. Auch sieht der "Kopf" auf der Abbildung anders aus. Überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob die Abbildung ein Einzeltier oder eine kette aus zwei Tieren mit noch nicht vollständig entwickeltem Tochtertier darstellen soll. Auch die Bilder und Videos von C. Lemnae, die ich im internet gefunden habe, stimmen nicht mit meinem überein. Abgesehen davon, bin ich fast sichernd dass unter diesem Namen mindestens zwei verschiedenen Spezies abgebildet werden.

Und hier kommen die Fotos. Die Aktivität des Tierchens hat das fotografieren nicht unbedingt erleichtert. Ich arbeite zurzeit meist mit ziemlich großen Schichtdicken, um die Organismen weniger zu beinträchtigen und möglichst natürliches Verhalten beobachten zu können. Die daraus resultierende Unschärfe bitte ich zu verzeihen. Die Fotos sind hier eher ein Nebenprodukt. Die Beobachtung steht im Vordergrund.


Bild 1 - Übersicht: M: Mund (?), RF: Ringfurche, lS: lappenartige Struktur, ap: auffälliger Punkt
Objektiv: Motic Planachromat UC 20x/0.45


Bild 3 - Körpermitte: W: Wimpern (vermutlich der Fortbewegung dienend), DD: Darmdrüsen (?) DD: Darmdrüsen (?)
Objektiv: Motic Planachromat UC 40x/0.65


Bild 3 - Detail "Kopf": SH: Sinneshärchen (?), RF: Ringfurche, lS: lappenartige Struktur, ap: auffälliger Punkt, M: Mund (?), P: Pharynx (?)
Objektiv: Motic Planachromat UC 40x/0.65


Bild 4 - Detail "Kopf", abgeknickt: SH: Sinneshärchen (?), A: Augen (?), RF: Ringfurche, lS: lappenartige Struktur, ap: auffälliger Punkt,
Objektiv: Motic Planachromat UC 40x/0.65

Ich hoffe die Bilder machen trotz der bescheidenen Qualität etwas Freude. Falls jemand weiss, um welche Spezies es sich hier handelt oder irgendwelche Detail erkennt und erklären kann, würde mich das freuen.

Herzliche Grüße
D.Mon

PS: Konstruktive Kritik (auch, aber nicht ausschließlich, zur Bildbearbeitung) ist ebenfalls ausdrücklich erwünscht.
Ich habe noch nicht so viel Erfahrung, wie man solche Bilder am besten aufbereitet.
Ich fotografiere im RAW Format und habe in etwa folgenden Workflow:
1. Ausschnittwahl,
2. Weiß-/Schwarzpukt, Farbe,
3. Belichtung, Kontrast gesamt, Kontrast selektiv
4. Schärfen (da bin ich oft unsicher, wie viel gut und wann es zu viel ist)
5. Rauschentfernung (Luminanzrauschen, Farbrauschen)
6. Danach noch einmal Feinabstimmung Belichtung, Kontrast
7. Beschriftung, Verkleinern, Export jpg
« Letzte Änderung: Oktober 06, 2020, 22:09:14 Nachmittag von D.Mon »
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Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #1 am: Oktober 07, 2020, 08:54:31 Vormittag »
Hallo D.Mon,

ich kann zwar zur Bestimmung nicht wirklich was beitragen, möchte Dir aber zu der genauen Beobachtung gratulieren!

Die Artdiagnose bei Süsswasser-Strudelwürmer ist kompliziert und was für Spezialisten, wenn man bis zur Art kommen möchte. Ein guter Schlüssel ist hier frei zugänglich:
"Keys to the Freshwater Microturbellarians of Britain and Ireland" von J. O. Young (Download http://macrostomorpha.info/sites/macrostomorpha.info/files/Young2001_HQ_OPT_OCR.pdf)

Ich denke, dass die Richtung "Cantenulida" stimmt, vielleicht siehst Du Dir mal Rhynchoscolex simplex an.

Ich finde Deine Bilder recht gut, aber für meinen Geschmack zu kontrastreich. Möglicherweise hast Du auch die Aperturblende zu weit geschlossen. Aber andere sehen das vielleicht anders.

Mach weiter so,

Michael
« Letzte Änderung: Oktober 07, 2020, 11:28:05 Vormittag von Michael »
Gerne per Du

Fraenzel

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #2 am: Oktober 07, 2020, 10:07:06 Vormittag »
Hallo Michael,
leider funktioniert bei mir der Link nicht richtig. File.com ist das Ergebnis.
Mikrogrüße
Peter
auch ich mag das "Du"

Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #3 am: Oktober 07, 2020, 11:29:25 Vormittag »
Hallo Peter,

man sollte halt alles ausprobieren, bevor mans los schickt  :-\!
Jetzt sollte es gehen.

Viele Grüße

Michael
Gerne per Du

D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #4 am: Oktober 07, 2020, 15:50:43 Nachmittag »

Ich finde Deine Bilder recht gut, aber für meinen Geschmack zu kontrastreich. Möglicherweise hast Du auch die Aperturblende zu weit geschlossen. Aber andere sehen das vielleicht anders.

Danke für die Anerkennung. Das motiviert natürlich.
Die Aperturblende mache ich - auch aufgrund eines hilfreichenHinweises von Gerd - zurzeit immer eher weit auf.
Beim Nachbearbeiten ist mir wichtig, dass die Zilien erkennbar abgebildet werden. Das ist immer eine Gratwanderung bei der Einstellung von Kontrast, Schärfe und Rauschen. Teilweise arbeite ich da auch mit Maskierungen, das treibt aber den Zeitaufwand noch weiter hoch.

In jedem Fall bin ich Dir für Deine Kritik sehr dankbar.
Ich habe in diesem Bereich noch nicht so viel Erfahrung und nur so wird man besser.

Deinen Bestimmungslink muss ich mir später anschauen. Ich kann dann auch mal heraussuchen, was ich online so gefunden habe.

Schöne Grüße
D.Mon

PS:
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Adalbert

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #5 am: Oktober 07, 2020, 18:53:07 Nachmittag »
Hallo D. Mon,
Deine Fotos gefallen mir gut, das Foto 3 aber am besten!
Sind das Stacks?
Danke und Gruß,
ADi

D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #6 am: Oktober 08, 2020, 00:42:56 Vormittag »
Danke, das freut mich.
Stacks sind es keine.
Das wäre bei dem hyperaktiven Gesellen auch schwer möglich gewesen.
Ich musste ständig eine Hand an den Stellschrauben des Kreuztischs, eine an der Feintrieb der Schärfe und eine an der Kamerauslösung haben.
Das heißt, ich musste immer eines von dreien loslassen.

Ich hab mir schon überlegt, nächstens Intervallaufnahmen zu machen (z. B. alles zwei bis drei Sekunden).
Mehr Ausschuss als bisher, wird da auch nicht zustandekommen, aber vielleicht einige schärfere Bilder.

Hier einige Links, die ich in letzter Zeit gefunden habe. Vielleicht kennt sie der eine oder andere noch nicht:
Researchgate.net z. B. hier
Protist Information Server der Japan Science and Technology Corporation und
Wikidata u. a. zum Nachschlagen von systematischen Zusammenhängen.
World Register of Marine Species. Anders als der Name vermuten lässt, werde dort auch Süsswasserarten geführt.

@ Michael.
Danke für den Link. Rhynchoscolex simplex überzeugt mich nicht so recht. Größe (5-7 mm) und Lebensraum scheinen mir nicht so ganz zu passen und auch die Statocyste und die Ringfurche sind nicht beschrieben.

Schöne Grüße
D.Mon
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Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #7 am: Oktober 08, 2020, 08:57:14 Vormittag »
Hallo D.Mon,

@ Michael.
Danke für den Link. Rhynchoscolex simplex überzeugt mich nicht so recht. Größe (5-7 mm) und Lebensraum scheinen mir nicht so ganz zu passen und auch die Statocyste und die Ringfurche sind nicht beschrieben.

Ob es Rhynchoscolex simplex ist, kann ich nicht sagen, aber diese Art hat, wie alle aus der Familie Catenulidae, eine bewimperte Furche (bzw. beidseitige Wimperngruben), die das Prostomium (den Bereich ohne Darm vor der Mundöffnung) vom hinteren Teil des Tieres abtrennt. Jungtiere besitzen Statocysten, die sich bei den erwachsenen Tieren zurückbilden. Für Jungtiere wäre die Größe (die immer ein schlechtes Bestimmungsmerkmal ist) wahrscheinlich OK.
Letztendlich müsste man die übrigen Artmerkmale überprüfen - was im Nachhinein bei einem temporären Präparat nur möglich ist, wenn man ein weiteres Exemplar findet.

Viele Grüße

Michael
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D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #8 am: Oktober 08, 2020, 15:29:14 Nachmittag »
Hallo Michael,

ich habe gestern noch eine kleine Probe unters Mikroskop gelegt.
Darin waren mindestens fünf gleiche Exemplare, alle ca. gleich groß.
Aber das muss ja nichts heißen.

Im LiW ist - wenn ich mich richtig erinnere - bei der Art beschrieben, dass die sich eher langsam bewegt, was ich jetzt auch nicht unbedingt bestätigen kann.

Eigentlich wäre das ja mal ein Fall für eine Langzeitbeobachtung in einem Mikroaquarium.

Gruß
D.Mon

PS:
Ich habs jetzt hinbekommen, eines richtig dicht zu bekommen, aber außer Bakterien kann ich da zurzeit nichts Lebendes mehr drin entdecken.
Ich warte jetzt mal eine Woche ab, wie von Dir empfohlen, aber im Moment glaube ich nicht, dass da noch viel kommt.
Anfangs konnte ich da diverse Kleinkrebschen, einen Stenosomum sowie etliche Glockentierchen, Bauchhärlinge und Nematoda beobachten.
Die Nematoden liegen reglos (tot) herum und die anderen sind verschwunden.
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Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #9 am: Oktober 09, 2020, 12:01:26 Nachmittag »
Hallo D.Mon,

Darin waren mindestens fünf gleiche Exemplare, alle ca. gleich groß.

Ist doch super - dann hast Du ausreichend Vergleichsmaterial, um den Bestimmungsschlüssel Schritt für Schritt durchzugehen. Das ist der einzige sichere Weg zur Artdiagnose, der uns nur leider oft wegen zu wenig Material verschlossen ist.

Ich habs jetzt hinbekommen, eines richtig dicht zu bekommen, aber außer Bakterien kann ich da zurzeit nichts Lebendes mehr drin entdecken.
Ich warte jetzt mal eine Woche ab, wie von Dir empfohlen, aber im Moment glaube ich nicht, dass da noch viel kommt.

Wenn da nichts mehr lebt, wird sich das auch nach einer Woche nicht ändern. Offensichtlich läuft bei Deinen Mikroaquarien irgend etwas grundlegend schief, was die Organismen umbringt. Verwendest Du zum Abdichten reine Vaseline (Arzneibuchqualiiät o.ä.) ohne Aromastoffen, Pflegezusätze und Konservierungsmittel? Ich hatte mal was ähnliches, als ich die Objektträger mit Aceton gereinigt hatte. Da blieben wohl Rückstände, die innerhalb eines Tages alles vergiftet hatten. Seither reinige ich die Objektträger und Deckgläser nur noch mit Spucke, Wasser und Isopropanol.

Viele Grüße

Michael
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D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #10 am: Oktober 10, 2020, 08:26:17 Vormittag »
Servus Michael,

ja, ich verwende Vaseline in Arzneibuchqualität. Die Tierchen hatten ja auch einige Tage überlebt. Ich werde es wohl noch einmal versuchen müssen.

Die Bestimmung nach dem Schlüssel habe ich mal versucht, aber sicher entscheiden kann ich mich noch nicht.

Grüße
D.Mon


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D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #11 am: Oktober 13, 2020, 17:47:43 Nachmittag »
Hallo nochmal,

obwohl ich sehr wenig Zeit hatte, habe ich die Tierchen - ich nenne sie mittlerweile "Krokodile", so lange ich sie nicht bestimmen kann - immer wieder beobachtet, viel im Internet gestöbert und inzwischen auch viel Fachliteratur (auch ältere) zu Strudelwürmern gefunden (Merke: gefunden ≠ gelesen; gelesen ≠ verstanden).

Den Bestimmungsschlüssel, den Michael oben gepostet hat, finde ich auch sehr interessant.  In den "Keys To The Freshwater Microturbellarians" sind nur zwei Catenulida aufgeführt, die Grünalgen fressen S. leucops und unicolor, aber die sind es definitiv beide nicht.

Ich finde meine "Krokodile" unglaublich faszinierend und ich kann jedes mal neue Details und Verhaltensweisen erkennen und beobachten. inzwischen habe ich angefangen, meine Beobachtungen in Stichpunkten aufzuschreiben, damit ich nicht wieder alles vergesse. Wie Michael an anderer Stelle geschrieben hat, kann man unglaublich viel entdecken, was man so noch nirgends lesen konnte. Inzwischen konnte ich mindestens dreißig Individuen, teils über längere Zeit, beobachten und auch mein neues Mikroaquarium scheint endlich stabil zu sein. Darin habe ich bisher etliche der Turbellaria unbekannter Spezies (Arbeitsbezeichnung Krokodil bzw. Turbellaria incognita), zwei Cyclops Nauplien, zwei Oligochaeta und ein merkwürdiges amöbenfömiges (soweit man Amöben überhaupt eine Form unterstellen kann) Tier mit langem, sehr aktivem Rüssel entdecken können. Letzteres habe ich heute noch nicht gefunden. Alle anderen sind wohlauf. Hoffentlich sind es nicht zu viele, aber ich hatte beim Pipettieren meine Lesebrille nicht auf  ::). Detritus habe ich diesmal ziemlich wenig mit drin, dafür - unbeabsichtigt - einige Luftblasen.

Zurück zu den Turbellaria: Schon öfter sind mir Tiere aufgefallen, die aufgebläht zu sein schienen. Inzwischen bin ich mir sicher, das die sich richtige Bäuche anfressen und dann in aller Ruhe verdauen.  Wenn es dunkel ist, scheinen sie zu ruhen. Beim Anknipsen des Lichts stehen sie erst noch ganz ruhig im Wasser, werden dann aber rasch aktiv. Die "Dicken" würgen dann manchmal nach kurzer Zeit ihren Darminhalt hervor und fangen wieder an zu fressen.

Den Fressvorgang konnte ich gestern sehr genau beobachten. Der Pharynx ist auf jeden Fall einer der Form simplex und weist stark fächernde Wimpern auf. Mit diesen kann ein starker Sog erzeugt werden, mit denen die Nahrung herbeigestrudelt wird. Gefressen wurden Grünalgen und zwar kugelförmige einzellige und plättchenförmig zusammenhängende. Die Nahrung wird zunächst in den vordern Mund aufgenommen. Dann kommt sie durch den Rachen in einen Art "Vorkammer", die sowohl vom Rachen als auch vom Darm abgetrennt ist. Nach ca. ein bis zwei Sekunden wird sie dem Darm zugeführt und ist dort immer noch lange gut erkennbar. Heute meine ich auch die Aufnahme von Cilliaten beobachtet zu haben. Der gesamte Fressapparat ist von komplexer Struktur und lohnt detaillierte weitere Beobachtung.

Weitere Einzelheiten (unter vielen anderen), die ich beobachten konnte, sind die ausgeprägten und sehr auffälligen "lappenartigen" Strukturen im Bereich der Ringfurche, die alle Tiere in jeweils individueller Ausprägung aufweisen. Das Prostomium ist im Übrigen auch sehr markant geformt und gibt den Tieren nach meiner Ansicht zusammen mit den "Lappen" einen sehr ausdrucksstarken Charakter. Alle Tiere (auch die größeren) weisen genau eine Statocyste auf. Der Statolith ist, wie zu erwarten, frei beweglich, was man manchmal sehr gut erkennen kann.

Am "Rand" des gesamte Körpers lassen sich in bandförmiger Abfolge kleinere dunkelgrüne Punkte bzw Flecken erkennen, von denen ich annehme, dass es eventuell die Protonephridien sein könnten (vage Vermutung). Sie ziehen sich vom Prostomium bis zum Schwanzende. Falls jemand Fotos verlinken kann, wo man das Aussehen von Protonephridien erkennen kann, würde mir das helfen.

Trotz Beobachtung einer größeren Anzahl von Individuen konnte ich keine einzige Tierkette entdecken, was mich einigermaßen stutzig macht, da sich die Tiere ja in meinem Untersetzer offenbar seit Monaten prächtig halten konnten. Vielleicht ergibt die Lanzeitbeobachtung in dem hoffentlich stabil bleibenden Mikroaquarium weitere Aufschlüsse.

All die oben geschilderten Beobachtungen sind natürlich bei weiteren Bestimmungsversuchen zu berücksichtigen.

Aber nun genug gequasselt. Da das hier schließlich das Mikrofoto- und nicht das Mikrotext-Unterforum ist, gibt es auch ein Bild. Es ist zwar nicht besonders scharf, aber es bildet sehr gut die drei oben beschriebenen Phasen der Nahrungsaufnahme ab. Ansonsten mache ich zurzeit natürlich sehr viele Bilder. Ich habe vor, die noch auszuwerten und nach und nach nur einige für die Nachbearbeitung auszuwählen. Falls Interesse besteht, kann ich die natürlich gerne hier posten.



Herzliche Grüße
D.Mon

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Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #12 am: Oktober 14, 2020, 13:39:54 Nachmittag »
Hallo D.Mon,

es freut mich, dass Deine Beobachtungen und Präparationen so gut klappen und dass Du meine Faszination für die Beobachtung der Vorgänge bei diesen mikroskopischen Tiere teilst! Ob das Tier nun einen korrekten Namen bekommt oder nicht - man kann sehr viel entdecken und die Funktion der unterschiedlichen Organsysteme versuchen zu begreifen.

Viele Organismen sind lichtempfindlich. Das kann an der Temperaturbelastung durch die Beleuchtung liegen (verwendest Du einen Wärmeschutzfilter / Infrarotfilter?). Manchmal beobachte ich auch mit einem Grünfilter, den ich zum Fotografieren einfach kurz entferne.

Deine Beobachtung der Nahrungsaufnahme ist sehr detailliert. Ich nehme an, dass Deine "Vorkammer" eine Art Reuse ist, die die festen Bestandteile der eingesaugten "Suppe" zurückhält, während das Wasser wieder ausgestoßen wird. So gelangt nicht zuviel Flüssigkeit in den Darm.

Die Protonephridien selbst sind bei diesen Tieren im Vergleich zur Größe der Tiere recht unauffällig und bestehen nur aus einer bewimperten Zelle, die wie eine Pumpe Körperflüssigkeit in einen Sammelkanal pumpt. Mikroskopisch fallen diese "Wimpernflammen" nur durch Ihre Wimpernbewegung auf. Deutlicher ist der / die Sammelkanäle, deren Anordnung artspezifisch ist. Die erkennt man, wenn man den Fokus nahe die Oberfläche des Tieres legt. Meist münden sie an dem Hinterende des Tieres nach Außen. Ich lege mal ein Foto einer anderen Art bei (Geriatrix hermaphroditus), die zwei laterale Sammelkanäle besitzt, die sich am Hinterende in eine sog. Ampulle führen - dem Vorläufer einer Niere. Von hier münden sie dann ins Freie. Wenn Du bei Dir diese Sammelkanäle entdeckst, kommst Du vielleicht mit der Bestimmung einen Schritt weiter.

Und - natürlich - sind wir an weiteren Bildern / Erkenntnissen interessiert.

Viele Grüße

Michael
Gerne per Du

D.Mon

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #13 am: Oktober 16, 2020, 20:11:54 Nachmittag »
Hallo zusammen,

vorgestern früh konnte ich erstmalig Tierketten beobachten.

Auf den folgenden Bildern kann man einige Strukturen erkenne, die ich nicht interpretieren kann, beispielsweise die beiden "Linien" im Detailbild, die vom Ende des Muttertiers in den "Kopf" des Tochtertiers münden und die körnige Struktur (was könnte das sein?)einzumünden scheinen.
Weiter hinten scheinen dann ähnliche Linien mehr mittig auszutreten und bewegen sich dann wieder nach außen.
Falls Du Michael (oder jemand anders) da was erklären kannst, wäre ich sehr interessiert.


Tierkette, Gesamtansicht.
Die "Charakterköpfe", wie hier beim Muttertier, begeistern mich jedes mal aufs neue.


Tierkette, Detail Übergang Mutter- / Tochtertier
Hier kann man auch die oben angesprochene "Kammer" vor dem Darm erkennen, in welcher die Nahrung kurz, manchmal auch mehrere Sekunden lang, zurückgehalten wird, bevor sie in den Darm eintritt.
Man erkennt außerdem die seitlich linienförmig angeordnete Kette von grünen, leicht länglichen Punkten, deren Funktion mich ebenfalls interessieren würde.

Viele Grüße
D.Mon

PS: An dieser Stelle möchte ich Olaf noch einmal meinen herzlichen Dank aussprechen für die Unterstützung bei der Kameraadaption.
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Michael

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Re: Unbekannter Strudelwurm aus Moorschale
« Antwort #14 am: Oktober 17, 2020, 11:38:06 Vormittag »
Hallo D.Mon,

toll, dass sich Deine kleinen Freunde anfangen sich zu vermehren - sowas sieht man nicht jeden Tag!
Die Vermehrung durch Tierketten funktioniert so, dass sich in der Mitte des Muttertiers eine Einschnürung bildet, an der sich die Strukturen des neuen Kopfbereichs des Tochterzooides bilden. Das Tochterzooid wird aber weiterhin durch den Darm des Mutterzooides versorgt. Mutter und Tochter teilen sich also den selben Darm. Das sind die linearen Strukturen, die Du von Mutter zu Tochter übergehen siehst. Der Pharynx des Tochterzooides bildet sich erst langsam; erst nachdem er ausgebildet ist, ergießt sich der Darm des Mutterzooides in den Pharynx der Tochter, der dann an den "Tochterdarm" angeschlossen ist. Bis zur Trennung der Zooiden wird das Tochterzooid weiter von der Mutter versorgt. Während dieser Zeit bleibt das Darmstück im Prostomium erhalten und teilt sich den Raum mit dem neugebildetem Gewebe der Tochter. Nach der Trennung wird der Darm der Mutter mit Hautzellen geschlossen und im Tochterzooid wird das nun nutzlose Darmstück zurückgebildet. Erst jetzt nimmt der Pharynx seinen Betrieb auf und versorgt den neuen Klon jetzt eigenständig. Die Körnchen, die Du gesehen hast sind wohl Nährstoffen, die von der Mutter zur Tochter wandern (bei Rhynchoscolex sind z.B. körnige Reservestoffe beschrieben). Ich bin gespannt, ob sich bei der Tochter auch eine Statocyste ausbildet. Die anatomischen Verhältnisse bei den Tierketten habe ich mal hier gezeigt: https://www.mikroskopie-forum.de/index.php?topic=30874.0.
Die "Körnchen" die Du in der Haut zeigst, sind in den Fotos leider schwer zu beurteilen. Die Haut der Strudelwürmer ist sehr komplex aufgebaut und enthält oft auch Schleimdrüsen (genaueres kannst Du in der Beschreibung für  Rhynchoscolex nachlesen, die ich Dir per PN geschickt hatte). Möglicherweise sind es solche Drüsen (bzw. ihre Sekrete), die Dir aufgefallen sind.

Viele Grüße und weiterhin eine spannende Beobachtungszeit

Michael

Gerne per Du